"Schluss mit der Sehnsucht!" betitelt Frank Castorf einen Text über seine Herangehensweise an sein jüngstes Werk "Nach Moskau! Nach Moskau!", das Freitagabend im Rahmen der Wiener Festwochen seine Premiere im deutschsprachigen Raum feierte. "Ein grauenvolles Missverständnis" nennt der Regisseur die weltweite Tschechow-Tradition, etwa die "Drei Schwestern" als weltverlorene, aber grundanständige Menschen zu zeigen.

Auf der Suche nach der den Figuren zugrundeliegenden Bösartigkeit und Abgründigkeit führte Castorf das Publikum in der Halle E des Museumsquartiers vier Stunden lang in eine alles andere als naive Welt.

Als Kontrast zur ewig in der Vergangenheit oder Zukunft stattfindenden Realität der drei Schwestern hat Castorf mit der Erzählung "Bauern" einen Text gefunden, der radikal im (damaligen) Jetzt verankert ist. So hat der Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemberg-Platz kurzerhand beide Werke miteinander verzahnt. Auf der Bühne selbst sind die Schauplätze allerdings klar getrennt: Während die Schwestern auf einer Holztribüne Hof halten, finden die Vergewaltigungen, Alkohol-Exzesse und Prügeleien der Bauern im halb fertigen Scheunen-Gerippe daneben statt. Um das wilde, teils versteckte Treiben sichtbar zu machen, filmt ein Kameramann einzelne Szenen, die auf eine riesige LED-Wand projiziert werden - was allerdings zulasten der sonst vorhandenen russischen Übertitel geht.

In gewohnter Manier schreien Castorfs Darsteller ihre Textpassagen von emotionalen Nuancen unberührt in den Saal, was gleich zu Beginn viele Lacher erntet. Derart kantig, grantig und bösartig hat man die "Drei Schwestern" wohl noch nicht erlebt. Eigentlich, so möchte man am Ende meinen, will keine von ihnen wirklich nach Moskau. Sehnsucht, das ist auf dieser kahlen Tribüne ein Fremdwort. Auch nebenan, bei den Bauern, die schon wieder aus Moskau zurück sind und ihre Enttäuschungen gewaltsam an den restlichen Familienmitgliedern ausleben, gibt es keinerlei Hoffnung. Mittendrin, teils unter der Oberfläche, hat Castorf allerdings eine ordentliche Portion Sarkasmus und Humor versteckt. Dass er das Publikum bei einer ehelichen Vergewaltigungsszene gar zum Lachen bringt, ist erstaunlich.

Starkes Ensemble

Erstaunlich ist auch die Leistung des Ensembles, das größtenteils mühelos zwischen Deutsch und Russisch wechselt, auf der halb überschwemmten Bühne nur ganz selten ausrutscht und blitzschnell zwischen den zahlreichen Doppelrollen hin- und herspringt. So manchem Zuschauer war das laute, obszöne Chaos zu viel: Nach der Pause, die Castorf nach den ersten zweieinhalb Stunden angesetzt hat, kam nur mehr gut ein Drittel des Publikums zurück. Dieser harte Kern jedoch amüsierte sich prächtig und würdigte dieses entromantisierte Gesellschaftsgemälde mit spontanem Zwischenapplaus und viel Gelächter an den richtigen Stellen.

Im Zentrum des Geschehens stand eine unheimlich wandlungsfähige Kathrin Angerer, die sowohl als herrschsüchtige Natalja Iwanowna in den "Drei Schwestern" als auch in zwei Rollen in den "Bauern" brillierte. Ihr zur Seite standen als "Drei Schwestern" Silvia Rieger als Olga, Jeanette Spassova als Mascha und eine atemberaubende Maria Kwiatkowsky als Irina (und Bäuerin Sascha). Unter dem männlichen Personal stachen vor allem Lars Rudolph (in zahlreichen Rollen), Trystan Pütter als überforderter Bruder Andrej (und Bauer Kirjak) sowie Sir Henry als Mascha-Ehemann hervor.

Langer, euphorischer Jubel für einen entblößten und mit neuem Sinn gefüllten Tschechow, dem man auch vier Stunden lang stets lauschen musste.