• vom 25.02.2012, 12:58 Uhr

Bühne

Update: 27.02.2012, 10:41 Uhr

Theaterkritik

Roma-Mädchen in der Grube




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Von Hans Haider

  • Volkstheater
  • Lyrik, Essay, Drama: Kosovo total

Madeleine heißt das Mädchen nach Madeleine Albright, US-Außenministerin während des Bombardements von Belgrad. Aus Albanien flüchten Vater, Mutter, Kind nach Deutschland. Nach zehn Jahren werden sie zurückgeschickt. Weil sie "maxhup" (Zigeuner) sind.

Links

    "Yue Medelin Yue" Von Jeton Neziraj Blerta Neziraj (Regie) Volkstheater im Hundsturm
  • www.volkstheater.at
  • Wh.: 25. Februar


Das bestätigt auch die - als Naziamt zu grob karikierte - Deutsche Botschaft, wo Vater und Mutter in größter Not Unterstützung suchen für die schwerverletzte "Medlin", die in eine ungesicherte Baugrube gestürzt ist.
Sechs Darsteller und zwei Musikanten zaubern mit wenigen Requisiten einen satirisch-komischen und zum Heulen traurigen Gegenwarts-Alptraum auf den kahlen Bühnenboden. Zu Anfang wird am Scriptbord gewarnt: Was die Figuren sagen, ist nicht die Meinung des Autors. Magistrat, Polizei, Spitalsärzte zeigen offen und gemein ihre Verachtung von maxhup. Der Bauarbeiter redet so feindselig wie der neokapitalistische Bauunternehmer.

Ein Totschlagwort fällt: Auschwitzseifenreiniger. Das Quotenfernsehen drängt sich in die Unglückszenerie mit der zotigen Wahl einer "Miss Loch". Medlin stirbt. Für die Fahrt aus der Welt phantasiert sie sich in einen Traumzug, ihr Wunschspielzeug. Über Dampfnebeln gleiten Waggons auf einer Bildwand ins Nichts.

Am Freitag endeten in Brüssel Serbiens Verhandlungen mit den Kosovo-Albanern mit der längst überfälligen De-Facto-Anerkennung der abtrünnigen Republik. Für denselben Tag, ein wirklicher Zufall, plante das Volkstheater in seiner Außenstation Hundsturm die Uraufführung der Tragikomödie "Yue Medlin Yue" von Jeton Neziraj (Übersetzung: Andrea Grill) – im Zusammenspiel von albanischer Botschaft, Außenministerium und "Kulturkontakt Austria", dem im Wendejahr 1989 gegründeten staatlichen Maklerbüro zur Förderung vordem in den Transitionsländern unterdrückter neuer Kunst.

Wie seinerzeit für die Dissidenten im Ostblock, so taugt der Kunstrahmen auch hier trotz der offiziellen Begleitmusik als Vehikel für zugespitzte Kritik an den Zuständen im von internationalen Truppen überwachten Kosovo. Der in Deutschland lebende Schriftsteller und Journalist Bequë Cufaj stellte der Theaterpremiere einen Essay über den "Standort Kosovo" voran, eine Katstrophenchronik seit dem Zerfall des Osmanischen Reichs und der Habsburgermonarchie bis heute.

Der neue Staat fand noch nicht zu sich selbst, blieb noch ein "virtuelles Staatswesen" wie vor der Unabhängigkeitserklärung von 2008. Es fehlt die moralische Instanz eines Ibrahim Rugova (1934 – 2006), der als Vorsitzender des Schriftstellerverbands Präsident der damals Autonomen Provinz Kosovo wurde und den Gewaltverzicht predigte. Cufajs klagte weniger über nationalistische Spannungen als über Korruption (auch in Verbindung mit Hilfsorganisationen), Rechtsunsicherheit, organisiertes Verbrechen. Und zwar so deutlich, dass der Botschafter aus Pristina zu klatschen vergaß.

In der Information über den Kosovo ist in Österreich viel nachzuholen. Realistischer als jeder Lokalaugenschein von tagweise eingeflogenen Journalisten bilden Schreiber und Theatermacher die Zwischentöne von Angst, Schmerz und Hoffnungen der kosovarischen Minderheit ab, die gegenüber den aus Belgrad unterstützten Serben und den Maxhup-Stiefkindern nicht selten brutal als Mehrheit agiert. Lojze Wieser in Klagenfurt mit seinem geosteten Verlag, Markus Jaroschka in Graz mit der Literaturrevue "Lichtungen", der Wiener Zsolnay-Verlag, der die Bücher von Cufaj druckt, Karl-Markus Gauß in Salzburg im Otto-Müller-Verlag: Ihnen ist der Transfer der erhellendsten Texte zu danken.

"Ich bin zurückgekommen", verkündet Ervina Halili, derzeit Writer in Residence in Wien, in ihrem langen Gedicht "Weit". Und fragt sich selber "Wohin?" Ihre Antwort: "Wo der Mensch Menschenfleisch isst". In der brillanten Nachdichtung von Zuzana Finger, einer Sudetendeutschen. Heimat, sagt Halili, ist nicht überall. Heimatliebe trotz allem ist ihr Thema. Ihre Lyrik stimmte in den langen Abend ein. Wohl in den wichtigsten, zu dem jemals in Wien (wo die Diplomatie die Aussöhnung von Serben und Albanern seit Jahren diskret fördert) öffentlich eingeladen wurde.




Schlagwörter

Theaterkritik, Bühne, Kosovo

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-02-25 12:58:52
Letzte Änderung am 2012-02-27 10:41:37


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