Begeisternd:Adrianne Pieczonka als Kaiserin.
Begeisternd:Adrianne Pieczonka als Kaiserin.

Der Mensch ist eben nicht nur edel und schön. Gerade die Schattenseiten machen die Einzigartigkeit des selbst entscheidenden Wesens aus. Erstmals gelangte Adrianne Pieczonka im Haus am Ring als märchenhafte Kaiserin zu dieser tiefsinnigen, grundhumanistischen Erkenntnis. Das größtenteils Wiener Publikum genoss diese "Frau ohne Schatten" als echte Szene des Tiefenpsychologisierens - die Freudianischen Bilder von Robert Carsen passten perfekt zu dem Enthusiasmus auf der Bühne.

Auch das Staatsopernorchester und Franz Welser-Möst ließen sich von Richard Strauss’ intensiven Therapiesitzungen gern anstecken. Nach der Salzburger "Generalprobe" im letzten Sommer (unter Christian Thielemann) beherrschte das Orchester logischerweise die Partitur bestens und ließ dem Generalmusikdirektor alle Aufmerksamkeit zum Ausleben jeder künstlerischen Gestaltungsfreiheit zukommen. Der gestaltete das wiederaufgenommene Werk mit diesem Rüstzeug einfach premierenreif. Dazu standen Welser-Möst auch auf der Bühne durchwegs überzeugende Strauss-Interpreten zur Verfügung. Wolfgang Koch mimte den einfachen Barak auf eindringliche Art, die perfekt zu seinem Weib passte. Evelyn Herlitzius erschütternd ehrliches Timbre verstärkte den Spannungsaufbau. Sie war einfach die Frau, die erst durch Versuchungen und größte Pein die naheliegende Liebe zum Ehemann fand. Das Schlussduett der Eheleute Färber wurde zu einem emotionellen Höhepunkt dieser Vorstellung.

Ohne Streichungen

Schwachpunkte in dem verworrenen Beziehungsgeflecht stellten Robert Dean Smith als zwar geradlinig strahlender, dennoch recht farbloser Kaiser und die öfters mit Forcierungen kämpfende Amme von Hausdebütantin Birgit Remmert dar.

Neben einem Wiedersehen mit Publikumslieblingen wie Wolfgang Bankl, Adam Plachetka und Norbert Ernst hieß der Abend eindeutig Pieczonka. Ihr edler, dennoch unprätentiöser Auftritt machte die Problematik am Weg von der weltfremden, ätherischen Erscheinung zum vollwertigen Menschen, der alle seine Gefühlsebenen zulässt, besonders deutlich. In dem stimmigen Zusammenspiel der Charaktere entstand somit in der von Streichungen befreiten Fassung ein Sittenbild der bürgerlichen Gesellschaft am Weg vom 19. Jahrhundert ins vergangene 20. Jahrhundert - das Ensemble lebte auch das musikalische Beschreiten neuer Wege aus. Fazit: Diese Aufführung war des Uraufführungsortes des Werkes würdig. Wohlverdienter Applaus und zahlreiche Jubelrufe.