Glücklich auf dem Weg zum Doppelselbstmord: Dominique Reymond und Micha


Lescot als greises Ehepaar in Eugène Ionescos Stück "Les chaises". Foto: Ruth Walz
Glücklich auf dem Weg zum Doppelselbstmord: Dominique Reymond und Micha

Lescot als greises Ehepaar in Eugène Ionescos Stück "Les chaises". Foto: Ruth Walz

Eugène Ionesco, der im Paris der Nachkriegszeit mit seinen Stücken gegen die psychologisierende Realitätsabbildung auf der Bühne revoltierte, gilt mittlerweile als einer der Klassiker des "absurden Theaters". Auf den Spielplänen des Gegenwartstheaters jedoch scheint er nur noch selten auf. Luc Bondy, der dem französisch-rumänischen Autor bei einer seiner Inszenierungen bereits als 17-Jähriger assistieren durfte, hat ihn als witzige, "außergewöhnliche Persönlichkeit" in Erinnerung behalten. Zwei Jahre nach dieser Zusammenarbeit inszenierte er selbst "Die Stühle" (Les chaises). In seiner Neuinszenierung, die bereits beim Pariser Festival dAutomne zu sehen war, zeigt er die "tragische Farce" als berührende, irgendwie utopische Liebesgeschichte: In "absurd" ausgespielten Bildern wird im Theaterraum (Bühne: Karl-Ernst Herrmann) die schicksalhafte, lebenslange Zusammengehörigkeit zweier Menschen deutlich, die nur auf den ersten Blick hin groteske Kunstfiguren sind.

Skurrile Kunst-Greise

Dies spießt sich vielleicht mit Ionescos Begriff eines überkommenen Klischees parodierenden Theaters als "Konstruktion" von Bewusstseinszuständen und Situationen. Aber es ist, ganz einfach gesagt, wunderschön, ergreifend, lächerlich und traurig.

Da schleppt ein greises, seit 75 Jahren verheiratetes Paar in Erwartung hochrangiger Gäste unermüdlich Stühle herbei und begrüßt die nacheinander eintreffenden, fürs Publikum unsichtbar bleibenden Honoratioren. Ein eigens engagierter Berufsredner soll ihnen zuletzt die weltbewegende Botschaft des alten Mannes verkünden. Der Schlusspunkt: ein Doppelselbstmord.

Die beiden einsamen Alten sind, wie es auch Ionesco vorschreibt, mit deutlich jüngeren Schauspielern besetzt. Und das wirklich großartig. Micha Lescot und Dominique Reymond - beide skurril auf alt gestylt - spielen ihre körperliche Gebrechlichkeit geradezu graziös aus, wenn sie gebückt und windschief durch Pfützen tappen oder ihre Worte mit großen Gesten ihrer gichtig verkrümmten Hände unterstreichen. Die Zärtlichkeit zwischen den beiden ist immer spürbar, auch wenn sie einander herumkommandieren oder uneins sind. Dominique Reymond ist Gattin und Mutter zugleich, wenn sie ihrem wie ein Baby greinenden, in Unterhosen am Boden strampelnden Mann aufhilft und ihn immer wieder liebevoll mit kindlichen Kosenamen - etwa "mon chou" - anredet.

Bondys frohe Botschaft

Doch auch Micha Lescot ist bei aller demonstrierten Senilität stolz auf seine Frau, die den imaginierten Gästen wie ein junges Mädchen entgegen lächelt, während er mühsam, aber nach Ranghöhe differenziert, vor Bekannten, Militärs oder dem König buckelt.

Und am Ende erfüllen sich die zwei Alten noch wie Philemon und Baucis den Traum vom gemeinsamen Grab.

Die mysteriöse Botschaft des Alten, vom Redner (Roch Leibovici) in unverständlicher Fantasiesprache heruntergeschnurrt, besagt so gut wie nichts. Umso aussagestärker ist die alles andere als pessimistische Botschaft von Bondys bejubelter Inszenierung - an die Jungen, die Älteren und an die Altgewordenen.

Theater

Les Chaises (Die Stühle)

Von Eugène Ionesco

Französisch mit deutschen Übertiteln

Regie: Luc Bondy

Museumsquartier Halle E

Tel.: 01/589 22-0

Wh.: 8., 9. Juni