• vom 10.07.2012, 18:53 Uhr

Bühne

Update: 10.07.2012, 19:10 Uhr

Theaterreform

Die Reform der Reform




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Von Petra Rathmanner

  • Die Evaluation der Wiener Theaterreform ist abgeschlossen und birgt Sprengstoff.

Die Theaterreform hat in der Wiener Off-Szene viel bewegt, die Evaluation der Reform bescheinigt Mittelbühnen wie dem Schauspielhaus (Bild) hohe Effizienz und internationale Vernetzung. - © Schauspielhaus

Die Theaterreform hat in der Wiener Off-Szene viel bewegt, die Evaluation der Reform bescheinigt Mittelbühnen wie dem Schauspielhaus (Bild) hohe Effizienz und internationale Vernetzung. © Schauspielhaus

Wien. Die Wiener Theaterreform musste zuletzt Kritik nicht nur von der Szene selbst, sondern auch von den Masterminds des Reformpapiers einstecken. Die Anfangseuphorie war verpufft. 2011 gab Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny eine Evaluation seines angeschlagenen Vorzeigeprojekts in Auftrag. Die Studie, erste Ergebnisse wurden im Nachrichtenmagazin "profil" veröffentlicht, ist nun online publiziert.


Die Autoren der Wirtschaftsuniversität - Christian Schober, Andrea Schmidt und Selma Sprajcer - haben für ihre Recherchen umfangreiche Interviews mit Theatermachern geführt und enorme Datenmengen bearbeitet. Grundsätzlich stellt die Studie der Theaterreform ein gutes Zeugnis aus, die Tücken stecken jedoch im Detail - und einige der Ergebnisse bergen durchaus Sprengstoff.

Missglückt: Umverteilung
Die Theaterreform, 2003 initiiert, ist gewissermaßen eine Umverteilungsaktion: Das viele Geld, das die Stadt Wien für die freie Tanz- und Theaterszene ausgibt, sollte besser eingesetzt werden: Die heimische Szene sollte international mehr wahrgenommen werden, Nachwuchstalente höhere Förderungen erhalten und das Prinzip der Gießkannen-Subventionen durch das Motto "Ganz-oder-gar-nicht" ersetzt werden.

Die Studie belegt, dass die Förderung der Häuser und Gruppen seitens der Stadt von 73 Millionen im Jahr 2004 auf 101 Millionen Euro im Jahr 2010 gestiegen ist. Dass vor allem die Großbühnen von der Erhöhung profitiert haben, liegt auch an der Renovierung des Ronacher und der Eröffnung des Theaters an der Wien, die in diesen Zeitraum fallen. Das Budget im Projektfördertopf für Nachwuchskünstler wurde hingegen nicht erhöht, obwohl gleichzeitig die Zahl der Anträge deutlich gestiegen ist (2007: 60 Anträge; 2010: 93).

Die Studienautoren bezeichnen das Fördersystem folgerichtig als "strukturkonservierend". Der größte Teil des Geldvolumens (bis zu 96 Prozent) geht nach wie vor an dieselben Gruppen und Häuser und wird dort vor allem für den Erhalt des Betriebs (Verwaltung und Technik) benötigt. Die wissenschaftliche Durchforstung der Häuser enthüllt weiters, dass die kleinen Bühnen viel effizienter arbeiten als die großen: Die Stadt Wien bezuschusst die Großbühnen pro Besucher und Abend im Schnitt mit 57 Euro, während die Mittelbühnen mit rund 25 Euro zu Buche schlagen.

Auch konnten die Mittelbühnen den Anteil der Förderungen durch die Stadt auf 60 Prozent der Einnahmen reduzieren, über ein Drittel der Kosten werden durch Koproduzenten oder Sponsoren abgedeckt.

Geglückt: Internationalität
Internationale Koproduktionen, ein weiteres erklärtes Ziel der Theaterreform, stiegen nach 2007 auffallend an. Mittlerweile funktioniert die internationale Vernetzung sogar weitaus besser als die nationale. Die freie Tanz- und Theaterszene ist nicht nur effizienter und internationaler, sondern auch produktiver geworden: Die Eigenproduktionen erhöhten sich und erreichten 2010 mit 333 Produktionen einen Höhepunkt, zugleich ging aber die Zahl der Aufführungen zurück; im Jahr 2010 wurde eine Eigenproduktion durchschnittlich elf Mal, eine Koproduktion vier Mal aufgeführt.

Die Gesamtbesucherzahl kletterte zwar auf 2,3 Millionen, durch die vermehrten Produktionen sank jedoch die Zahl der Besucher pro Aufführung.

Für freie Gruppen liefern die Fakten doch einiges Material zur Empörung und zeigen Möglichkeiten zur Verbesserung auf. Diskussionen dürften in den nächsten Wochen vorprogrammiert sein. In einem Punkt konnte bereits jetzt Einigkeit erzielt werden: Die befragten Künstler bewerten die Theaterreform positiv. Keine schlechte Basis für die Reform der Reform.




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Dokument erstellt am 2012-07-10 15:59:06
Letzte Änderung am 2012-07-10 19:10:11


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