Wo steht das Theater heute? Drei Antworten beim Festival in Avignon (v.o.n.u.): Stéphane Braunschweig inszeniert Pirandello, Christoph Marthalers Sing-along-Abend "Meine faire Dame. Ein Sprachlabor" und William Kentridges Multimedia-Spektakel The Archive of the Universe". Chirstophe - Reanyua de Lage(1 u. 3), Judith Schlosser
Wo steht das Theater heute? Drei Antworten beim Festival in Avignon (v.o.n.u.): Stéphane Braunschweig inszeniert Pirandello, Christoph Marthalers Sing-along-Abend "Meine faire Dame. Ein Sprachlabor" und William Kentridges Multimedia-Spektakel The Archive of the Universe". Chirstophe - Reanyua de Lage(1 u. 3), Judith Schlosser

Avignon. Kennt noch jemand diesen Achtziger-Jahre-Hit von "Deutsch-Österreichisches Feingefühl"? "Seit zweitausend Jahren lebt die Erde ohne Liebe. Es regiert der Herr des Hasses." Und weiter im Text: "Codo der Dritte/ Aus der Sternenmitte/ Bin ich der Dritte von links./ Und ich düse, düse, düse, düse/ Im Sauseschritt/ Und bring die Liebe mit/ Von meinem Himmelritt."

Ja, der wunderbare Christoph Marthaler erinnert sich und lässt das in seinem Stück "Meine faire Dame. Ein Sprachlabor" singen. Soeben machte Marthaler damit beim Theaterfestival in Avignon Station. Der Song trifft den Nerv des Festivals: 2012 geht es um die letzten zweitausend Jahre.

Gerade wurden die Festspiele mit Simon McBurneys Bearbeitung von Michail Bulgakows Roman "Meister und Margarita" eröffnet, in dem Christus und der Teufel, Pontius Pilatus und Stalin Zeitgenossen sind. Die Produktion von McBurneys Truppe "Complicite" reist seit März durch die europäischen Theater. Man hat ihr zu Recht vorgeworfen, mehr gut geölter Zirkus Bulgakow zu sein als Auseinandersetzung mit dem Buch: viel Wirkung, wenig Ursache. Aber: welche Wirkung gerade im Hof des Papstpalasts in Avignon!

In London, Wien (bei den Festwochen) und Recklinghausen brach am Ende des Stücks eine in den Bühnenhintergrund projizierte Wand zusammen, wenn der "Meister" zu Pontius Pilatus sagt: "Du bist frei!" In Avignon ist es die gewaltige mittelalterliche Palastwand, Stein für Stein nachgezeichnet, die unter erschütterndem Getöse zusammenstürzt und den Blick auf Sternenstaub freigibt. McBurney, das muss man ihm lassen, ist ein großer Meister der Bühnenmagie.

Ein anderer Zauberer ist William Kentridge, der mit seinem etwas geschwätzigen Multimedia-Spektakel "Die Ablehnung der Zeit" ebenfalls schon eine Weile durch den Weltraum reist. Denn alles, was hienieden geschieht, so behauptet der Südafrikaner, sendet Licht in den Weltraum zurück, bis die Projektionen irgendwann von einem schwarzen Loch verschluckt werden. "The Archive of the Universe" überschreibt er dieses Kapitel seiner Show.

Theatermachen heute?


Ungleichzeitigkeit ist nur noch eine Frage des Standpunkts. Dazu passt, dass auch Katie Mitchells Kölner Arbeit über W.G. Sebalds "Die Ringe des Saturn" nach Avignon eingeladen wurde. In diesem Roman wird eine Wanderung durch Suffolk zur Spurensuche unserer "fast nur aus Kalamitäten bestehende Geschichte" - von der jede Sekunde irgendwo aufbewahrt bleibt. Katie Mitchells "Ringe des Saturn" sind fast eine Hörspielfassung des Romans.

Das Festival in Avignon hat sich seit einigen Jahren zu einem einzigartigen Laboratorium solcher "postdramatischer" Experimente an den Grenzen des vermeintlich richtigen Theaters entwickelt. Das ist das Verdienst der seit 2003 amtierenden Festivaldirektoren, Vincent Baudriller und Hortense Archambault. Sie werden in der kommenden Saison von Olivier Py abgelöst, dem Dichter, Regisseur und bisherigen Chef des Pariser Théâtre de l’Odéon. Mit Py wird zweifellos wieder das Autorentheater in den Vordergrund rücken. Das haben sich viele gewünscht.

"Ich stelle mir viele Fragen, wie man heute noch Theater machen kann. Ob es noch Sinn hat, von Texten auszugehen, mit Rollen, mit Fiktion und nicht, wie alle, zu glauben, dass alles ‚Material‘ ist und dass die Vorstellungswelt des Autors nicht wichtiger ist als die der Schauspieler, des Regisseurs - oder selbst der Zuschauer mit allem, was ihnen so durch den Kopf geht!" Diese Fragen legt Stéphane Braunschweig dem Regisseur in Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor" in den Mund. Der Chef des Pariser "Théâtre de la Colline" ist einer der klügsten, gewissenhaftesten Regisseure seiner Generation. Er leistet mit seiner Pirandello-Adaptation der Postdramatik Widerstand: Hinter der Bühnenrückwand, die anders als bei McBurney lautlos umfällt, erscheint der Autor, und der erschießt den Regisseur. Das Schöne an diesem Festival ist, dass am Ende jeder Zuschauer das Stück findet, das ihm aus dem Herzen spricht. Theaterstücke sind schließlich wie Blumen.

Um Marthaler zu zitieren: "Ein tief verborgner Sinn/ liegt in den Blumen drin./ Und fällt das Reden schwer/ müssen Blumen her!"