"Europeras 1" von John Cage, in der Inszenierung von Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale. - © Wonge Bergmann
"Europeras 1" von John Cage, in der Inszenierung von Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale. - © Wonge Bergmann

In der bildenden Kunst nennt man es Collage, in der Musik Potpourri oder Sampler, ein Freiherr von und zu G. nennt es Dissertation - bei John Cage (1912-1992) heißt es "Europeras 1 & 2". Was da 1987 in Frankfurt am Main uraufgeführt (und bislang kaum nachgespielt) wurde, ist ein Musiktheater, das als eine Art Antioper ausgeklügelt dem Zufallsprinzip folgt. Diese Klanginstallation bedient sich aus sage und schreibe 64 Opern, die andere Komponisten in den letzten paar hundert Jahren fabriziert haben. Damit eröffnete jetzt in der Jahrhunderthalle Heiner Goebbels als neuer Dreijahresintendant und Regisseur die vierte Ruhrtriennale.


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Damit ist die Methode der eigentliche kreative Beitrag des Komponisten für ein Werk, bei dem Ort oder Handlung keine Rolle mehr spielen. Oder eben auch nur eine rein zufallsbedingte, so wie die Protagonisten, die ihre ariosen Bruchstücke ganz unabhängig von ihren Kostümen und Gesten, oder dem, was um sie herum passiert oder klingt, als zitierte Rollenschnipsel präsentieren. Es setzt vor allem ein Theater im Kopf in Gang, das zwangsläufig bei jedem Zuschauer zu einem anderen Resultat führen muss.

Im Guckkasten


Freilich lässt Goebbels den Raum in seiner (90 Meter!) Tiefe "nur" wie einen zu groß geratenen Guckkasten bespielen. Er zelebriert dabei, im Bunde mit Klaus Grünberg (Bühne, Licht und Video) und Florence von Gerkan (Kostüme), in 32 aufwendigen Bühnenbildern vor allem barocke Opulenz der Prospekte und Kostüme für eine Raum-Klang-Zeitreise ohne Ziel, die genau auf die Mittel des Genres setzt, das Cage mit seiner Nach- oder Um-"Komposition" aufgebrochen hat.

Was in den anderthalb Stunden von "Europeras 1" in die Tiefe des Raumes gestaffelt abgeht, ist also eine Bilderflut zu einem Klangraunen, den die 26 Musiker des Festivalorchesters der Ruhrtriennale von allen Seiten beisteuern. Mit einem Oberon-Urwald und einem Höllenschlund, mit Riesenfisch oder Segelschiff, mit einer geometrisch strengen Raumtreppe von Adolphe Appia oder barockem Logenprunk, einem effektvoll brennenden Tempel oder schwebenden Wolken, aber auch mit einem roten Vorhang und polterndem Geröll. Dazwischen tauchen die zehn Protagonisten in Kostümen auf, die auf ein paar Prototypen des Genres eingedampft sind. Von der Diva und dem Verführer, über den finsteren Zylinderträger und Don Giovanni, bis zur Krinolinen-Dame ist alles da. Im zweiten, 45-minütigen Teil dominieren vor kupfergestochenem Piazza-Hintergrund die Stimmen der auf Silhouetten reduzierten Sänger, was wie eine optische Vollbremsung wirkt.

Doch indem Heiner Goebbels aber vor allem mit erheblichem Aufwand und handwerklichem Ehrgeiz die Methode exzessiv vorführt und dabei doch nur illustriert, entgeht er der Falle nicht, die diese Form dem Ganzen hier stellt.

Am Ende ist es genau, was es nicht sein will, nämlich ein Beispiel für eine technisch aufwendig zelebrierte, zwar vom besonderen Raum inspirierte, aber doch verblüffend konventionelle Event- beziehungsweise Hochkultur. Aber die Ruhrtriennale mit dem Untertitel "International Festival of the Arts" hat ja gerade erst begonnen. Bis Ende September sind 30 Produktionen - darunter 20 Uraufführungen, Neuproduktionen und Deutschlandpremieren vorgesehen.