Wien. Friedrich Torberg nannte es "das Burgtheater des Kabaretts", für Karl Farkas war es "ein größenwahnsinnig gewordenes Nudelbrett". Von Egon Dorn am 25. Oktober 1912 als "Bierlokal Simplicissimus" eröffnet, hat der "Simpl" alle Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts mitgemacht, nachzulesen in Julia Sobieszeks neu aufgelegtem Buch "Zum Lachen in den Keller". Mit der Revue "100 Jahre Simpl" (offizielle Premiere diesen Freitag) wird das Jubiläum schon jetzt gefeiert.

Bis heute ist die Revue das Markenzeichen des "Simpl", hier etwa 1934 mit Karl Farkas (M.) und Fritz Grünbaum (r.): "Robinson Farkas auf der Grünbaum-Insel". - © Archiv
Bis heute ist die Revue das Markenzeichen des "Simpl", hier etwa 1934 mit Karl Farkas (M.) und Fritz Grünbaum (r.): "Robinson Farkas auf der Grünbaum-Insel". - © Archiv

Den Namen und das Logo - die rote Bulldogge - hat der "Simplicissimus" von der gleichnamigen Satirezeitschrift. Von Anfang an gibt es bunt gemischte Revuen, zunächst ohne gespielte Szenen, weil Direktor Dorn fürchtet, dass die Leute weniger essen und trinken, wenn sie gebannt einer Handlung folgen (damals herrscht Konsumationszwang). Und schon zu Beginn gibt es einen Conférencier: Der erste ist Richard Hutter. Ihm folgen große Namen wie Fritz Grünbaum und Karl Farkas. Deren legendäre Doppelconférencen ab 1922 sorgen für ein volles Haus, während die Führungsetage öfter wechselt (siehe Grafik). 1932 wird an der Mariahilfer Straße 105 eine Art Zweigstelle eröffnet: die "Rakete" (ohne Konsumationszwang).

Doch das "Simpl" spürt auch die beiden Weltkriege. Kann der Spielbetrieb im Ersten Weltkrieg noch aufrechterhalten werden - der Ausfall männlicher Darsteller sorgt für eine ungewohnt hohe Frauenquote -, ist am 12. März 1938 endgültig Schluss für das jüdische "Simpl" unter Josef Czech und Alexander Goldfarb.

Arisiert und ausgebombt


Während Farkas noch über Umwege in die USA flüchten kann - er lässt sich von seiner nichtjüdischen Frau scheiden, um sie und den behinderten Sohn zu schützen -, werden etliche Kollegen ins KZ verschleppt. Grünbaum überlebt es nicht. Sobieszek zitiert einen Zeitzeugen: "Er wurde mit dem Rücken auf den Boden gezwungen. Mit einem Kunstgriff wurde ihm die Zunge herausgezogen, und die gesamte Begleitmannschaft ging an ihm vorüber und wischte sich die Stiefelsohle an der Zunge ab, bis diese nur mehr ein unkenntlicher, verschwollener, blutiger Fleischklumpen war." Trotzdem gibt Grünbaum bis zu seinem Tod wie mehrere andere Kabarettisten im Lager geheime Vorstellungen.

Der "Simpl" wird derweil arisiert und sperrt am 28. Jänner unter dem Nazi Felix Bernard wieder auf. Die Zensur ist streng, die meisten Texte sind entsprechend harmlos. Als Wien bombardiert wird, ist der Keller eine Zufluchtstätte samt Suppenküche. Untertags kochen Helly Gassner und Friedl Buchar, abends stehen sie auf der Bühne. In den letzten Kriegstagen werden das Büro und das Archiv zerbombt. Ensemblemitglied Fritz Muliar (er wird 1940 eingezogen) dazu: "Alle guten Texte wurden ohnehin schon davor zerstört." Am 3. April 1945 ist die letzte Vorstellung unter Bernard - er wird von den Russen verschleppt und verschwindet spurlos. Laut Muliar soll er in der Tschechoslowakei auf offener Straße erschlagen worden sein.