Das Theater als Konzertsaal: ausgelassene Stimmung bei den "Comedian Harmonists". - © lalo jodlbauer
Das Theater als Konzertsaal: ausgelassene Stimmung bei den "Comedian Harmonists". - © lalo jodlbauer

Das Zerstreuungsbedürfnis in der Zwischenkriegszeit war schier grenzenlos. Revue- und Tanzpaläste, Tonfilmtheater sowie neue, aus den USA eingeführte Technologien wie Grammofon und Radio versorgten die Vergnügungssüchtigen endlos mit Stoff. Die Zeit war aus den Fugen, Weltwirtschaftskrise und Inflation ruinierten Mittelstand und Arbeiterschaft. Zugleich stieg Berlin zum Zentrum moderner Urbanität auf: Tempo, Mobilität, Energie prägten das Stadtbild, Fantum und Starkult trieben wunderliche Blüten.

Inmitten des Funkenregens an Ablenkung und Vergnügen standen auch die Comedian Harmonists. Von Aufstieg und Fall des Berliner Vokalensembles handelt das bereits 1997 uraufgeführte Theaterstück "Die Comedian Harmonists" von Gottfried Greiffenhagen und Franz Wittenbrink, das nun wieder, neu arrangiert und in neuer Besetzung, im Volkstheater zu sehen ist.

Von der Band-Gründung 1927 in ärmlicher Dachmansarde über die mühselige Probenzeit, den ersten Erfolgen und dem Durchbruch bis zu dem von den Nationalsozialisten erzwungenen Ende 1935 - drei der sechs Mitglieder waren laut NS-Rassenwahn "nicht-arisch" - bietet die Geschichte der bemerkenswerten Truppe hervorragenden Bühnenstoff.

Die Musik steht im Zentrum


In der Wittenbrink’schen Bearbeitung wird die Harmonists-Historie zur holzschnittartigen Rahmenhandlung verkürzt, die in einem bis zum abgewetzten Kanapee detailgetreuen Bühnenbild von Hans Kudlich etwas schwerfällig umgesetzt wird. Gleichwohl steht hier nicht Handlung, sondern Musik im Zentrum. Das Theater wird zum Konzertsaal, das sechsköpfige Ensemble intoniert die Hits der Truppe - Varieté- und Operettenschlager wie "Veronika, der Lenz ist da", arrangierte Jazztitel der Marke "Hallo, was machst Du heut’, Daisy?" und Filmmusik à la "Ein Freund, ein guter Freund". Seit seiner Erstaufführung überzeugt der Abend vor allem durch sein gekonntes Arrangement der Evergreens; der Publikumsknüller wurde im deutschen Sprachraum an zig Bühnen nachgespielt.

Der Gewinn der Volkstheater-Aufführung ist Patrick Lammer. Der baumlange Schauspieler mit markanter Physiognomie war einst Sängerknabe, ist gegenwärtig musikalischer Leiter des Volkstheaters - und bietet als Ari Leschnikoff eine überragende stimmliche wie schauspielerische Leistung. Lammers komödiantischer Konterpart - Matthias Mamedof als Erich Kollin - veredelt seine Gesangspartien ebenfalls mit flottem Körpereinsatz. Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg und Schauspieler Marcello de Nardo haben den Abend inszeniert; De Nardo überzeugt zudem als Showman und Bandgründer Harry Frommermann. Ausgelassene Stimmung, die sich aufs Premierenpublikum übertrug. Tobender Applaus.