Alpiner Schamane: J. Krisch als Astragalus. - © Reinhard Werner.Burgtheater.Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben
Alpiner Schamane: J. Krisch als Astragalus. - © Reinhard Werner.Burgtheater.Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben

Es ist kein gar idyllischer Berg, auf dem dieser Alpenkönig regiert. Die ersten (Vogel-)Laute, die aus der Kehle dieses Königs krächzen, sind auch nicht heimelig. Es ist sogar durchaus unheimlich, als Johannes Krisch als Astragalus das steile Betongebirge erstmals erklimmt in dieser Neuinszenierung von "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" im Burgtheater. Wie ein wilder Lederhosenindianer ist er angemalt, bald ist er auch blutverschmiert wie ein zwielichtiger Schamane. Man wundert sich ein bisschen, dass ihm die unglücklich Verliebten Malchen und August so treuherzig das Versprechen abkaufen, dass er ihrer Liebe freie Bahn schlagen will - und den im Weg stehenden Vater Rappelkopf auf den richtigen Weg bringen will.

Ohne Dekonstruktionsbombe


Rappelkopf rast in der Inszenierung von Michael Schachermaier in einem Ambiente, dem die Biedermeierlichkeit bis auf Nötigste entfernt wurde. Und das Nötigste ist in dem Fall ein Biedermeiersessel und ein schwebendes Krickerl (Bühne: Damian Hitz) .

Das Nötigste: Das ist überhaupt eine Mengenangabe, die bei dieser Inszenierung immer passt. Schachermaier hat sich nämlich nicht dazu entschlossen, eine Dekonstruktionsbombe in den Klassiker von Ferdinand Raimund zu jagen und dann die Splitter postpostmodern mit Neon-Uhu zu verkleben. Er hat den altbekannten Zauber-Zierstuck nicht nur optisch feinsäuberlich abgeschlagen, ist Raimund aber treu geblieben. Dabei ist ihm eine straffe, moderne Version gelungen. Das Zusammenspiel von Johannes Krisch als Astragalus und von Cornelius Obonya als Rappelkopf zeigt schon, wie hier eine Balance zwischen Neuem und Gewohntem angestrebt wird. Krisch gibt einen Alpenkönig, der wie ein enthaarter Berg-Yeti besonders urviechisch daherkommt, sich aber dann in seinem Triumph auch schon mal in eine astreine Michael-Jackson-Moonwalk-Pose wirft. Obonya wiederum ist ein Rappelkopf, der in seiner grandios falschen Selbsteinschätzung so zeitlos wie eh und je ist, sein Spiel ist aber recht traditionell - sein Großvater Attila Hörbiger hat die Rolle schon gespielt - und dazu wohltuend wienerisch.

Wenn Astragalus in die Rolle des Rappelkopf schlüpft, um ihm die Augen zu öffnen, macht sich Krisch nicht die Mühe, Obonya zu imitieren. Er überzeichnet die Widerlichkeit dieses zwischenmenschlichen Monsters fast verzweifelt. Umso mehr Lacher gibt es natürlich, wenn der echte Rappelkopf dazu sagt: "Aufgelegt bin ich nicht gut..."

Der Lacher gibt es viele bei der publikumsfreundlichen Regie. Dafür, dass es nicht zu platt wird, sorgt die verfremdete Moritatenmusik von Eva Jantschitsch, bekannt als Elektromusikerin Gustav, die Couplets und neue Lieder vertont hat. Manch verwirrtes Blasinstrument macht in diesen Volksmusik-Versatzstücken klar, dass es hier um Wahn und Zerrissenheit geht.

Sparsamer Klamauk


Regina Fritsch ist als Rappelkopfs Frau Sophie von einer hinreißenden Widerstandsfähigkeit ("Halt die Ohren steif, my Darling!", singt sie). Sie führt auch in der Köhlerhüttenszene, die Schachermaier mit bestem Trash-Dokusoap-Material befüllt, das Ensemble an. Liliane Amuat und Peter Miklusz geben ein solid verzweifeltes Liebespaar. Stefanie Dvorak und Johann Adam Oest bilden als Kammermädchen Lischen und Diener Habakuk einen handfesten komödiantischen Kern. Oest bekam sogar ein eigenes Paris-Chanson, in dem er erklärt, warum diese berühmten zwei Jahre in Paris so besonders waren.

Trotz mancher Ansätze widersteht Schachermaier dankenswerterweise der Versuchung, in den Klamauk zu verfallen, der in jüngsten Burg-Komödien-Inszenierungen üblich war. Und wie man sieht, braucht es den auch gar nicht.