• vom 17.09.2010, 17:55 Uhr

Bühne


Das Erfolgsstück "Cabaret" in den Wiener Kammerspielen

Und ewig lockt das sündige Tingeltangel




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Von Hans Haider

  • Endlich Abwechslung in den Wiener Kammerspielen mit ihren seit Jahrzehnten gleichen Zimmerkulissen. Eine Band sitzt über dem verspiegelten Spielraum mit Türen in verheimlichte Hinterräume. Otto Dix, Zeitbildmeister des deutschen Expressionismus, ist mit seinem Großstadt-Triptychon zitiert. Amra Bergman-Buchbinder barg "Cabaret" in einer bizarr-intimen Kelleroptik. Die mit den übertechnisierten Musicalhallen leicht konkurrieren kann.

Singt und tanzt in den Kammerspielen: Ruth Brauer-Kvam Foto: apa

Singt und tanzt in den Kammerspielen: Ruth Brauer-Kvam Foto: apa Singt und tanzt in den Kammerspielen: Ruth Brauer-Kvam Foto: apa

Das berühmteste Dichterpaar der englisch-amerikanischen Literatur des vorigen Jahrhunderts, W. H. Auden und Christopher Isherwood, tauchte in den Late Twenthies ins lebensgierige Berliner Milieu ab. Isherwood zeichnete im Roman "Leb wohl Berlin" 1939 einen Romanschreiber nach, der aus der Wirtschaftskrisen-Hauptstadt heim nach Amerika flieht. Nach einer gescheiterten Andockung an eine Tingeltangelsängerin. Und edlen, oder a posteriori veredelten politischen Gründen. Denn 1931 überschreien schon Nazis mit keuschen Heimatliedern die Nachtmusik im sündigen Revue-Puff. Wo auch Männer in gelbbraunen Uniformen Mädchen und Knaben aufreißen.


Sexy Bühnennervenkitzel

Durch mehrere Bearbeiterhände ging der Plot, bis 1972 Bob Fosses Filmversion des Musicals "Cabaret" mit Oscars überschüttet wurde. Doch der nach allen Spielregeln der Kulturindustrie perfektionierte Mix aus sexy Bürgernervenkitzel, sozialem Elendskitsch, Schwulenseelennöten, Kapitalismusjammer ("Money makes the world around"), Judenschmerz und Naziterror führt sein Bühnenleben weiter. Obwohl Tänzer und Sänger immer am Filmvorbild mit Liza Minnelli, Michael York und Joel Grey gemessen werden. Das braucht Ruth Brauer-Kvam, Martin Hemmer und André Eisermann und das ganze Ensemble nicht zu kratzen. Brauer stützt ihre geschmeidige Figur mit fester Stimme und dem Charme ihres oft weltverlorenen Gesichts. Ein Schritt weiter zum veritablen Star. Hemmer gibt den höflichen Klemmi, den sich Mütter als Schwiegersohn wünschen. Eisenmann, mit weit geöffneter Frackhose, wäre der ideale Einpeitscher für jeden Lifeball. Ferdinand Stahl posiert als Bilderbuchnazi. Feiner Lotto Ledl als altjungferliche Zimmervermieterin, die am moralischen Test scheitert: Einen Juden heiratet man jetzt nicht mehr.

Die Band unter Christian Frank heizt so kräftig ein, dass kein Steppschritt zu hören ist. John Kanders Musik zitiert auch Berliner Avantgarde um Kurt Weill. Elisabeth Gressel steckte die Cabaretgirls in schlotternde Reizwäsche. Erotisches Raffinement weit über alles Hautenge. Nur mit den roten Herzen am Hintern von Mädchen-Lederhosen beim Watschentanz griff sie, wie auch Regie (Werner Sobotka) und Choreografie (Ramesh Nair) zu tief in die antifaschistische Klamottenkiste. Szenenapplaus nach jedem Lied, Lobeslärm am Ende für alle.

Theater

Cabaret

Von Fred Ebb und John Kander

Werner Sobotka (Regie)

Wiener Kammerspiele

Wh.: 19. - 21., 28./29. September



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-09-17 17:55:29
Letzte Änderung am 2010-09-17 17:55:00

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