Irgendein kleines Dorf, vielleicht am Meer, vielleicht in den Bergen (wie und wo genau, das ist dem Zuschauer überlassen): Als wäre nicht bereits die Katastrophe vor einem Jahr, als am Marktplatz explodierende Gasflasche 24 Menschen - darunter 7 Kinder - in den Tod riss, genug des Kummers für die wenigen Dorfbewohner, hält auch noch der Installateur Alfred ein junges Mädchen für 76 Tage in den Katakomben unter dem Brunnen am Marktplatz gefangen, um sich sexuell an ihr zu vergehen.

In ihrer Erschütterung werden sich die Bewohner des Dorfes selbst schuldig machen, ohne es wirklich zu wollen; ein düsterer Herbst und ein bitterkalter Winter lassen die fragilen Strukturen der Dorfgemeinschaft langsam zusammenbrechen, bis am Ende ein - vielleicht wirklicher, vielleicht aber auch zweifelhafter - Neuanfang in Form eines kollektiv gezeugten Neugeborenen den Frühling einleitet.

Spielregeln des Zeremonienmeisters

Zu Beginn der Aufführung gibt der belgische Künstler Jan Lauwers, einem Zeremonienmeister gleich in die Geschichte einführend, den Ton des Abends vor: Bezogen auf die verheerende Gasexplosion, fordert er jenen Teil des Publikums, der ähnliche Bilder aus dem Fernsehen kennt, dazu auf, das Geschehen zu visualisieren; jene hingegen, die dergleichen im echten Leben erlebt hätten, bittet er, es sich bewusst nicht vorzustellen: "This is only theatre." Es sind die Regeln des Spiels, der Gestaltung, nach denen sich Lauwers seinen Themen nähert - und nichts liegt ihm ferner als die illusionistische Behauptung, das, was dort auf der Bühne zu sehen sei, sei die "Wirklichkeit", sei unmedialisierte Realität. Tote verschwinden nicht in die räumliche Abwesenheit, sondern kommentieren das Geschehen diabolisch, dann wieder ironisch in Form von Tanz, Sprache und Gesang ständig weiter.

Ganze Szenen werden ihrer Künstlichkeit überführt, ohne dass dadurch der Erzählfluss gestört oder gar unterbrochen würde. Dabei liegt gerade in diesem so bescheidenen (und, angesichts der Perfektion, mit der Lauwers seine Mittel beherrscht, zeitgleich auch ein wenig koketten) "only" die wahre Stärke des Abends: Ganz im Sinne eines kathartischen Theaters gelingt Lauwers eine Feier des Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, mit seinen Sehnsüchten und Ängsten, aber auch mit seinen tiefsten Abgründen und Unzulänglichkeiten. "Marketplace 76" ist moralisch, ohne moralistisch zu sein, nimmt Stellung, ohne zu verurteilen: Dieser Mut zur Ambivalenz, diese Weigerung einer Vereinfachung bei zeitgleich bedingungsloser Liebe zum Menschen macht den Abend zu einem jener Kunstwerke, die den Betrachter zwangsläufig zu einer eigenen Haltung auffordern - und dabei zu einem seltenen Stück spannenden Theaters.