Durchdreh-Montur: Alf Poier in "Backstage". - © Richard Tanzer
Durchdreh-Montur: Alf Poier in "Backstage". - © Richard Tanzer

(irr) Auf diese Zugabe sei halt Verlass. Jubel, Beifall, Blumenstrauß: Ein Hitler-Imitator sang soeben "I am from Austria". Wobei: nicht wirklich. Das Publikum im Wiener Orpheum hört die Nummer nicht, und der Applaus ist eine Tonband-Schimäre. Was das Auge erblickt: eine abgehetzte Gestalt, die eine Künstlergarderobe betritt - die Adolfsmaske noch im Gesicht, eine Gitarre und Blumen in Händen.

Wer davon ein Foto schießt, hat ein bezeichnendes Bild von Alf Poier: Seit jeher scheint der Steirer von der Mission beseelt, die Alltagslogik aufzubrechen, und zwar mit krausen Sammelsurien eben dieser Realität. Provokation kann dabei sein, das Absurde aber auch mit feinerer Klinge obsiegen, wie in Poiers "Systemen", Highlights des neuen Programms. Etwa eine Bastelei aus Putzspray, Schlauchanschlussstutzen, Colaflasche. Was das bringt? Poier: "Nichts." Und die Moral von der Geschicht’: "Darum soll man systemkritisch sein." Der schroffe Bruch, er ist auch gesanglich nur einen Atemzug entfernt, lässt eine gefistelte Fassung von "In die Berg bin i gern" auf eine Bamboleo- und Rasta-Version treffen: Folklore, in der sich Faust und Auge gute Nacht sagen.

Seifenblasen-Apotheose


Wobei: Es ist der Applaus für dieses Lied, der dem Abend den nötigen Energiezuschuss verpasst, der das Stakkato des Steirers aufs gewohnte Tempo beschleunigt. Etwas zäh der Start, ziemlich artig das Setting: In "Backstage" mutiert die Bühne zur Künstlergarderobe - und Poier, der große Irritator, zum Plauderer aus dem Show-Nähkästchen: eine mitunter leider auch recht subversionsfreie Kunst- und Daseinsbeschau. Bitter ist das bei manchem Schenkelklopfer: Wer gegen die Windmühlen des Politisch-Korrekten rittert, kann bei frauenfeindlicher Häme enden. Und der Grat zwischen Un- und Blödsinn ist sowieso schmal.

Eine Bringschuld erfüllt Poier aber auch nun: auszucken, und zwar so richtig stammelnd-schnaubend, wie es die Fans lieben. Doch auf doppeltem Boden. Poier greint: Erschöpft sich seine Arbeit in einer Karnevalskatharsis? Nur Narr, nur Dichter für Normalos? Zuletzt senkt sich Sentimentalität auf den 45-Jährigen. Dann ist er weg, wie fortgeweht von einer Seifenblasenapotheose. Doch kein Hitler also. Aber: ein radikal sanftes Finale.