Auf Neuentdeckung ihrer Körperlichkeit: Percy Kofranek, Susanne Kirnbauer (M.) und Violetta Springnagel-Storch. - © W. Silveri
Auf Neuentdeckung ihrer Körperlichkeit: Percy Kofranek, Susanne Kirnbauer (M.) und Violetta Springnagel-Storch. - © W. Silveri

Disziplin, Disziplin, Disziplin lautet das oberste Credo eines Ballettensembles. Tief in den Knochen steckt die antrainierte Charakterprägung ein Leben lang. Wie auch bei ihnen: Fünf ehemalige Balletttänzer betreten eine grell ausgeleuchtete weiße Bühne (Alexander Schellow), die die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenkt: Jeder hebt einen Lautsprecher auf und hält ihn in Stille - natürlich in einer perfekten Reihe -, bis sie nicht mehr können. Ja sogar, bis die Hände schmerzen und die Arme zittern. Disziplin eben.

Große Namen des Balletts


Große Namen der heimischen Ballettkunst bringt die österreichische Choreografin Doris Uhlich im Rahmen des steirischen herbst nach jahrzehntelanger Abwesenheit wieder auf die Bühne: eine unverkennbare Marialuise Jaska, Renate Loucky, Violetta Springnagel-Storch, Percy Kofranek und die langjährige Staatsopern-Primaballerina und ehemalige Chefin des Volksopernballetts, Susanne Kirnbauer. Sie zeigen die Uraufführung von "Come Back" als eine Demonstration einiger grundlegender Eigenschaften von Balletttänzern, aber vorrangig ist es doch eine respektvolle Auseinandersetzung mit dem größten Feind jedes Balletttänzers: dem Alter. Ballettinterne böse Zungen würden von ausrangierten Tänzern sprechen, die ihre Welt so nicht mehr brauchen will. Zumindest im klassischen Ballett, in dem die individuelle Persönlichkeit oft dem Ensemble untergeordnet ist. Wie Susanne Kirnbauer berührend erzählt: Sie habe erst als Solistin gewagt, einem Choreografen zu widersprechen. Sie teilt dies mithilfe einer Lautsprecherbox mit, die sie vor der Brust hält. Vielleicht weil Tänzer prinzipiell stumm in ihrer Kunst leben? Ihre Sprache ist ihr Körper, der aber in einem Korsett der Unterordnung feststeckt.

Uhlich zeigt kein Ballett, sonst wäre es ja auch nicht Uhlich. Obwohl die Tanzvergangenheit aber omnipräsent ist, ist es ein Herantasten an eine Körpererinnerung mit oft berührenden Momenten, aber auch Uhlichs typischem Augenzwinkern - wenn etwa die vier kleinen Schwänchen aus "Schwanensee" choreografisch präzise bäuchlings zitiert werden. Nostalgiefrei und ohne persönliche Rechtfertigungen - Jaska: "Politik ist an mir vorbeigegangen" - ermöglicht die Performance den junggebliebenen Persönlichkeiten eine Demonstration, was noch immer in ihnen schlummert: Abgesehen davon, dass Jaskas Partnering-Sequenzen manch’ Jungballettspund erblassen lassen sollten, steht nun die Neu-Entdeckung des ballettgewohnten Körpers im Vordergrund. Ein Jahr lang betrieben sie gemeinsam mit Uhlich Bewegungsforschung, die nun zu einer Reverenz vor der Jugendlichkeit im Alter wurde und eine ehrliche Auseinandersetzung mit sonst unbeachteten Künstlerbiografien.

Performance

Come Back

Von Doris Uhlich

Haus für Musik und Musiktheater im Rahmen des steirischen herbst