Wien. "Es kostet mich Überwindung, mich dieser Rolle zu stellen", sagt Christiane von Poelnitz. Die Bedenken der Burgschauspielerin sind nachvollziehbar, schließlich handelt es sich um die Titelrolle in Hugo von Hofmannsthals "Elektra". (Premiere ist am 25. Oktober im Burgtheater, Michael Thalheimer inszeniert.)

Kein Diven-Gehabe: Burgschauspielerin Christiane von Poelnitz gilt als disziplinierte Teamspielerin. - © Burgtheater
Kein Diven-Gehabe: Burgschauspielerin Christiane von Poelnitz gilt als disziplinierte Teamspielerin. - © Burgtheater

Die Figur der Elektra zählt neben Medea zu den großen Rächerinnen der Theatergeschichte. Elektra geht es um Blutrache an der eigenen Mutter und am verhassten Stiefvater, die ihren wirklichen Vater Agamemnon ermordet haben.

Sprache als Geschenk

Elektra ist auch so etwas wie ein Superstar des Weltdramas: In der Antike wurde das bluttriefende Familiendrama der Atriden von den bedeutenden Dramatikern des griechischen Theaters beschrieben - Sophokles, Aischylos, Euripides; im Fin de siècle griff Hugo von Hofmannsthal den archaischen Stoff erneut auf. "Hofmannsthals Sprache ist ein Geschenk", so Christiane von Poelnitz im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Schauspielerin gerät nicht nur über den Blankvers des Stücks ins Schwärmen, sie berichtet auch von "inneren Bildern", die sich bei intensiver Auseinandersetzung mit dem Text einstellten. Wie zur Bekräftigung holt von Poelnitz ihr Textbuch, ein so zerlesenes wie vielfarbig unterstrichenes Exemplar hervor und skandiert eine Passage; vereinzelt finden sich im Buch auch Kinderkritzeleien.

Die Schauspielerin mit dem leuchtend roten Haar hat zwei Töchter im Alter von fünf und elf Jahren, als Alleinerzieherin lebt sie seit einigen Jahren von ihrem Mann, Burgtheaterakteur Joachim Meyerhoff, getrennt in glücklicher Patchwork-Familie.

Auf der Bühne entfaltet die in Oberfranken als jüngstes von vier Geschwistern geborene Künstlerin regelmäßig schiere Präsenz, enorme Emotionalität: "Dann breche ich durchaus gern in Tränen aus. Im Privatleben dagegen so gut wie nie."

Seit 2003 ist die Aktrice, die einem bis ins 16. Jahrhundert zurück verfolgbaren Adelsgeschlecht entstammt, Ensemblemitglied am Burgtheater. Die Kunst des Schauspiels ist ihr zuallererst Handwerk. Diven-Gehabe und Protagonisten-Allüren liegen ihr fern, sie gilt als disziplinierte Gruppenspielerin.

Kein Entgleisen

Sie bewies gleichermaßen komödiantisches Talent (etwa als Berenice in "Viel Lärm um nichts") und Potenzial zur Tragödin (in der Titelrolle von "Die Frau von früher" ). Durch ihr beispielhaft körperliches Spiel begeistert sie: In Roland Schimmelpfennigs bitterem Globalisierungsdrama "Der goldene Drache" spielt Christiane von Poelnitz treffsicher, dabei Geschlecht, Rasse und Alter hinter sich lassend, einen jungen Chinesen, der unter entsetzlichen Zahnschmerzen leidet; über die gesamte Spieldauer hinweg steigerte die Schauspielerin glaubhaft den Grad des Schmerzes ins nahezu Unermessliche.

Mit Schimmelpfennig verbindet Poelnitz eine langjährige Arbeitsbeziehung. In Wien war sie in sämtlichen Arbeiten des deutschen Dramatikers zu erleben, zuletzt in "Das fliegende Kind", ein Stück über ein tödlich verunglücktes Kind. "Schimmelpfennig-Texte sind technisch unglaublich herausfordernd, bei der Umsetzung wird auf Punkt und Komma genau gearbeitet", resümiert die Verstellungsexpertin. "Bei modernen Texten erarbeitet man sich einen ganz direkten Ton, ein Umstand, der mir nun in der Auseinandersetzung mit einem klassischen Text wie ‚Elektra‘ zugute kommt."

Hofmannsthals Elektra nimmt auf der Bühne bisweilen die Züge einer Hysterikerin an. Nichts dergleichen findet sich in der Interpretation von Christiane von Poelnitz: "Bei uns entgleist die Figur nicht. Sie ist klar und gefasst, sie hat keine Zeit zu reflektieren oder auszurasten. Das wäre wohl auch langweilig." Das wäre dann wohl auch keine weitere Paraderolle für Christiane von Poelnitz.