Eine wuchtige, schwarze Mauer, in deren Mitte sich nur ein schmaler Spalt als Eingang in den Atridenpalast auftut (Bühne: Olaf Altmann): Mehr Spielraum als diese beklemmend enge Öffnung gesteht Michael Thalheimer in seiner auf eineinviertel Stunden komprimierten Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals "Elektra" den Darstellern nicht zu. Er setzt nicht auf bewegte Aktion, sondern nimmt Hofmannsthal radikal beim Wort und zeigt die auf fünf Personen reduzierte Tragödie als manieristisches Gesamtkunstwerk aus Sprache, Mimik und Gebärde, mit Christiane von Poelnitz als schlichtweg überwältigender Protagonistin.

Fokus liegt nicht auf Orest, sondern auf Elektra

Anders als bei Sophokles, auf dessen "Elektra" Hofmannsthals 1903 in Berlin uraufgeführte Neubearbeitung basiert, liegt der Fokus nicht auf Orest, der auf göttliches Geheiß die Ermordung Agamemnons durch seine Gattin Klytämnestra rächen muss, dadurch zum Muttermörder wird und - im Grunde schuldlos - selbst schuldig wird, sondern auf dessen Schwester Elektra. Sie war nicht nur Zeugin der Hinschlachtung des Vaters, als dieser endlich als Sieger aus dem Trojanischen Krieg heimkehrte, und verlor damals zugleich den von der Mutter und deren Geliebten Ägisth verstoßenen Bruder.

Klytämnestras Vorgeschichte - Agamemnons tückische Opferung der ältesten Tochter Iphigenie, um die Götter für den Feldzug nach Troja gnädig zu stimmen - wird bei Hofmannsthal gar nicht erst aufgerollt. Es geht vielmehr um Elektra, die sich in die Trauer um den idealisierten, geliebten Vater, von Mutter und Stiefvater gedemütigt, von Jahr zu Jahr mehr in blutige Rachevisionen hineinsteigert. Christiane von Poelnitz zeigt mit erschreckender Intensität und Sprachgewalt diese verhärtete Frau, die kein anderes Lebensziel kennt. Doch im Gespräch mit Klytämnestra (Catrin Striebeck) schimmert mit triumphierendem Lächeln und kindlichem Tonfall das allein gelassene kleine Mädchen hervor, das es der verhassten Mutter nun so richtig heimzahlt. Wird doch die Königin von Angstträumen gequält, die ihr ihre Schuld stets neu in Erinnerung rufen. Elektra stellt ihr in Rätselform ein "richtiges" Opfer als Erlösung in Aussicht, bis die Mutter erkennen muss, dass mit diesem Opfer sie selbst gemeint ist.

Häuslicher Frieden und "Weiberschicksal"

Schließlich sagt sich Elektra auch von ihrer Schwester Chrysothemis los, da sie deren Sehnsucht nach häuslichem Frieden und einem "Weiberschicksal" mit Mann und Kind nicht zu akzeptieren gewillt ist. Adina Vetter gestaltet eine mit ihrem Schicksal hadernde Frau, die erkennt, dass die verrinnende Zeit all ihre Hoffnungen darauf von Tag zu Tag geringer werden lässt. Auch der als Rächer heimkehrende Orest (Thilo Nest) ist bei Thalheimer kein strahlender Jüngling, sondern ein in die Jahre gekommener Mann und der zuletzt auftauchende, weißhaarige Ägisth (Falk Rockstroh) wirkt keineswegs wie jemand, dem Klytämnestra, wie Elektra vermutet, hörig sein könnte. Während Katrin Lea Tag die Frauen in farblich subtil abgestimmte zeitlose Kostüme kleidet, sind die Männer eher seltsam ausstaffiert: Orest erscheint in weißen Unterhosen, Ägisth trägt einen grauen Arbeitskittel.

Den mörderischen Showdown hinter der schwarzen Mauer erlebt Elektra, in ihrer Nische draußen mitfiebernd, als Befreiungsschlag, während ein choralartiger Song von Soap&Skin aufrauscht. Wenn Orest und die blutbespritzte Chrysothemis erscheinen, hat sich Elektras Schicksal erfüllt.

Viel Applaus für puristisches, bewundernswertes, oft atemberaubendes, manchmal doch allzu artifizielles Schauspielertheater auf einer Bühne, die Hofmannsthals Bemerkung von der "grässlichen Lichtlosigkeit" seines Werkes grandios verdeutlicht. Vor allem aber: ein Triumph für Christiane von Poelnitz.