Unvergessener George Tabori! Fünf Jahre erst ist dieser irrlichternde Mitteleuropäer mit ungarischer, deutscher, amerikanischer und, über allem, jüdischer Identität, tot. Er wusste aus dem gewöhnlichsten Effekt Funken von Mitleid und Furcht zu schlagen.

Mit 76 schrieb Tabori 1990, eben von Claus Peymann ans Burgtheater engagiert, das Szenario "Die Goldberg-Variationen". In der Maske des Dirty Old Man hadert er mit dem Schöpfergott wegen dessen schleißiger Welt. Der Titel weist auf Bachs Frömmigkeit im Doppelpack mit extremem Künstlichkeitsanspruch hin. Ein Regieassistent hat alle verquer-arroganten Wünsche eines Regisseurs zu erfüllen, der "Mr. Jay" heißt und ein Nachbild von Jahwe ist. Nacheinander erfindet der große Strippenzieher die Selbstkritik, die Gnade und den Antisemitismus. Der schikanierte Goldberg stirbt probeweise am Kreuz. Er hat die Nächstenliebe erfunden. Deren Lobpreisung gilt auch der rebellischen Jugend - Woodstock, Antiatom, Peace und so weiter. Gut oder glücklich sein? Tabori antwortet als abgebrühter Hedonist: Seid glücklich!

Der Slapstick-Klamauk wirkt im Repertoire von heute nachgestellt, verwegen, peinlich. Der Theatermacher fehlt, der dieses Extremspiel mit seiner Biographie und Verantwortung deckt. Juden und Christen sehen zwar gelassener ihre Symbole auf der Kunstbühne verzerrt als Muslime. Doch eine Theaterfirma, die sich einen Sowjetstern aufs Dach setzt und auf der Bühne Christi Kreuz aus Ikea-Fertigteilen schrauben lässt, riskiert gezielt Verstimmung.

In der Neuinszenierung durch Stefan Bruckmeier markiert Hans Kudlich eine Probebühne mit Steuerpult für die Technik und Windmaschine. Obwohl ein zarter Menschenspieler, macht Rainer Frieb als Mr. Jay klar, wer hier Herr ist und wer Knecht. Frieb ist im Regiesessel kein Polterer. Sondern ein Gott, der zu sagen scheint, verzeiht mir, dass ich da bin.

Hilfe für die Heilsgeschichte

Ronald Kuste ist im schwarzen Arbeitsmantel mehr Büro- als Kunstdiener. Eine wunderschöne Reduktion zum scheinbar naiven Fragensteller. Als Moses holt er ängstlich von der Spitze einer Leiter die Gesetzestafeln.

Im Himmelbett wird die Sünde ungeniert probiert. Stefan Bruckmeier ist als Adam eingesprungen für den erkrankten Thomas Bauer. Er spricht auch auffallend gut. Jan Sabo, Günther Wiederschwinger, Thomas Bauer geben in vielerlei Kostümen (von Erika Navas) die anderen notwendigen Beihelfer zur Heilsgeschichte. Alle flink, charmant, genau. Claudia Sabitzer, die dralle Eva und das umtanzte Goldene Kalb, zuckt in Einschüben als Bühnen- und Kostümbildnerin zur schwyzerdütschen Knallcharge aus.

Gert Voss und Ignaz Kirchner brachten "Die Goldberg-Variationen" in der Regie ihres Autors 1991 im Akademietheater zur Premiere. Heute spürt man: Der Text wird wohlkalkuliert abgespult. Immerhin: ein Memento an eine bessere Theaterzeit.

Theater

Die Goldberg-Variationen

Von George Tabori

Stephan Bruckmeier (Regie)

Mit Rainer Fried, Ronald Kuste u. a.

Volkstheater

Wh. bis 22. Dezember