Christoph Marthaler veranstaltet einen großen Ausverkauf im Opernhaus Zürich. Dazu gibt’s Musik von Georg Friedrich Händel. - © Opernhaus Zürich
Christoph Marthaler veranstaltet einen großen Ausverkauf im Opernhaus Zürich. Dazu gibt’s Musik von Georg Friedrich Händel. - © Opernhaus Zürich

"Sale" oder Ausverkauf, wie es früher einmal hieß, herrscht mittlerweile nicht mehr nur als Dauerzustand in den Konsumtempeln, sondern seit Sonntagabend auch in Form eines zweistündigen, pausenlosen Händel-Pasticcios im Opernhaus Zürich. Dort ist Christoph Marthaler die späte, längst überfällige Ehre der Regieführung zuteil geworden. Im Mittelpunkt steht ein in die Jahre gekommenes Kaufhaus, das vor 40 Jahren wohl den Hauch von Eleganz und Luxus atmete, jetzt aber vor der Totalliquidation steht. Ein weitverbreitetes Phänomen, wenn man durch die Innenstädte geht. Altmodische TV-Geräte, Kaffeemaschinen, Restposten Putzmittel, Stoffreste und Kleider auf Wühltischen sind für die sportlichen Schnäppchenjäger und die weniger Betuchten in der Gesellschaft noch geblieben, die zweimal wie wilde Horden ins Kaufhaus einfallen.

Doch Marthaler und seine bewährte Crew - Anna Viebrock für die Ausstattung und Malte Ubenauf für die Dramaturgie - zeigen mehr. Die längst zur Alkoholikerin gewordene Noch-Kaufhauschefin hat nämlich ihre gesamte nähere und weitere Verwandtschaft zum Abschiednehmen vom Kaufhaus eingeladen. Dieses wird dadurch zum Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens. Die Familienmitglieder reagieren abwechselnd in Melancholie oder abwehrartige Raserei verfallend, am Ende schließlich bewusst resignierend. Zur Verstärkung lässt das Regieteam Auszüge aus Edgar Allen Poes Erzählung "Die Maske des roten Todes" von der Unaufhaltsamkeit der Pest rezitieren.

Bei der Zeichnung der Mitglieder der Kaufhaus-Dynastie und des verknöcherten Liquidators bietet das Marthaler-Team die gesamte Palette an menschlichen Skurrilitäten auf, um dem Zuschauer den Spiegel vorzuhalten. Vom rasenden Alt-68er-Großneffen über die dank Liftens jung gebliebene amerikanische Verwandte bis zum beamtenhaften Liquidator. Marthaler und sein Team spiegeln, was sie in der Gesellschaft beobachten. Nicht mahnend, sondern mit Humor.

Ein erstes Mal schmunzeln darf man schon bei den Kostümen der Familienmitglieder, die alle mehr oder weniger stark wie der nur noch stellenweise vorhandene Teppichboden des Kaufhauses gemustert sind. Oder, wie sich die längst fremd gewordenen Familienmitglieder mit weitem Abstand voneinander begrüßen, oder wie der geschäftige uneheliche Sohn der Chefin wahllos Preisschilder auf den Ramschtischen verteilt. Wenn das Kaufhaus definitiv nach dem "Mega Sale" zu Grabe getragen wird, geschieht das passend - mit Waschpulver.

Mit der Liquidation des Kaufhauses stirbt auch die Familie aus. Doch die Hinterbliebenen verdrängen das Ende rasch mit einem Champagner-Aperitif und einem festlichen Leichenschmaus.

Tradition des
18. Jahrhunderts


Was würde zu so einem affektvollen Abend besser passen als ein Pasticcio aus Händel-Arien, Duetten, Chören und Instrumentalstücken fast ohne Rezitative? Auch musikhistorisch lässt sich dagegen nichts einwenden, verwendete Händel seine Werke doch
oft mehrfach und scheute nicht davor zurück, Fremdes zu integrieren.

Für Kulinariker ist der Abend zumindest musikalisch ein Genuss. Unter Laurence Cummings liefert das Orchestra La Scintilla mit Originalklang-Instrumenten präzise Klangbilder von hoher Transparenz und organischer Dynamik. Malin Hartelius überzeugt mit dem weichen Ton von schillernder Farbigkeit ihres Soprans, der Countertenor Christophe Dumaux begeistert mit virtuoser Geläufigkeit, und Anne Sofie von Otter macht ihrem Ruf im Barockrepertoire alle Ehre.