Jetzt haben es alle verstanden. Bei Christoph Willibald Glucks "Iphigénie en Aulide" steht das Thema Krieg im Zentrum, der Trojanische Krieg ebenso wie Beziehungskriege oder innerer Krieg mit dem eigenen Gehorsam. Und weil das Thema so mannigfaltig einsetzbar ist, gefiel es Regisseur Thorsten Fischer, dieses zumindest eineinhalb Akte lang ausschließlich durch Waffen darzustellen. Karabiner am griechischen Opfertisch. Gewehre bei Massenkundgebungen. Überlebensgroße Videoprojektionen (von David Haneke) abgekämpfter Menschen, bekleidet nur mit vollautomatischen Handfeuerwaffen.

Wohin wollte eigentlich das Original führen? Iphigenies tragische Geschichte bannte die Menschheit seit der Antike. Die mykenische Prinzessin soll den machtpolitischen Ambitionen des Vaters im wahrsten Sinn des Wortes geopfert werden. Ja, Agamemnon hat die Göttin Artemis ordentlich verärgert. Im Gegenzug für eine sichere Weiterfahrt der griechischen Truppen Richtung trojanisches Schlachtfeld fordert sie das größte aller Opfer: Der König soll seine Tochter töten. Auf Eifersüchteleien gegen den zwangsweise Verlobten Achill reagiert Iphigenie mit königlicher Einsatzfreude. Erst ihre Opferbereitschaft befriedet die Jagdgöttin.

Umtriebiger Agamemnon

Gluck orientierte sich 1774, zu Beginn seiner Pariser Zeit, an der Vorlage. Zuerst im weiteren Sinn, denn er gab dem harmoniebedürftigen Publikum ein Hochzeitspaar. Eine originalgetreuere Überarbeitung folgte nach. Aktuell widmete sich das Theater an der Wien der Urfassung. Auch im weiteren Sinn.

Hier wie dort zählte die klassische Einheit von Ort, Zeit und Handlung - ein Wesenszug, der in Fischers Drehbühnenbildern (Ausstattung: Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer) wenig zur Geltung kam. Publikumsliebling Bo Skovhus hetzte als getriebener Herrscher Agamemnon zwischen Palast, Tempel und Richtplatz hin und her - ein kaum konzentrationsfördernder Aspekt der Regie. Die Kulisse bot den Sängerinnen und Sängern vom bestens einstudierten Arnold Schoenberg Chor reichlich verwinkelten Platz zum Toben bei Betonpfeilern und Spiegelflächen.

Ruhender Pol in der Brandung wurde Michelle Breedt, die als willensstarke Königin Klytämnestra der Mutterliebe allen Platz machte. Myrtò Papatanasiu überzeugte in der Titelrolle der Iphigénie dramatisch, ihre Stimme erfüllte wohlgeformt, wenn auch mit manch Intonationsproblem behaftet, die Szene. Wenig Grund zur Freude gab der indisponierte Tenor Paul Groves als Achille. Solide agierte Priester Calchas (Pavel Kudinov) ebenso wie die drei Damen (u.a. Viktorija Bakan).

Fragen, die offen bleiben: Was machte die pantomimisch agierende "Diane" (also die römische Jagdgöttin) in Form der Nestroy-Preisträgerin Anna Franziska Srna auf der Szene? Und warum musste die echte Geschichte dem Entdeckungswahn existenziell-pazifistischer Hintergründe des Werkes zum Opfer fallen? Das Regieteam mit einem derartigen Buh-Orkan zu überschütten, war dennoch überflüssig, dafür hatten sie zu übliche Ideen. Flott gestaltete der Experte für alte Musik Alessandro De Marchi sein Dirigat. In symphonisch moderner Besetzung, führte er die Wiener Symphoniker an die Gluck’sche Opernreform heran. Ein eigenwilliger Gegentrend, halten gerade jetzt diverse Originalklangensembles in anderen heimischen Opernhäusern Einzug.

Oper

Iphigénie en Aulide

Von Christoph Willibald Gluck

Alessandro De Marchi (Dirigent)

Torsten Fischer (Regie)

Theater an der Wien

Wh. bis 22. November