• vom 09.11.2012, 16:43 Uhr

Bühne

Update: 09.11.2012, 18:00 Uhr

Daniel Kehlmann

Die sind nur unhöflicher




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christina Böck

  • Daniel Kehlmanns "Der Mentor" als launige Uraufführung in der Josefstadt

Ihm gefällt’s nicht: Herbert Föttinger als Mentor, Florian Teichtmeister als unwilliger "Protegé", dahinter fühlen sich Vermittler Wangenroth (S. Walther) und Wegners Frau (R. Brauer-Kwam) unwohl. - © Gallauer

Ihm gefällt’s nicht: Herbert Föttinger als Mentor, Florian Teichtmeister als unwilliger "Protegé", dahinter fühlen sich Vermittler Wangenroth (S. Walther) und Wegners Frau (R. Brauer-Kwam) unwohl. © Gallauer

Da sitzt er, helmut-bergeresk, mit schwarzer Sonnenbrille und rundumschlägt vor sich hin. Über die Zumutung eines rauchenden Chauffeurs. Und darüber, dass Johnnie Walker eine Beleidigung ist. Ja, bei Whiskys kennt er sich gut aus: Benjamin Rubin, der große Schriftsteller. Der Mann, bei dem man sich glücklich schätzen muss, wenn er einem als Mentor zu Diensten ist. Wie es Martin Wegner geschieht. So stellt sich das zumindest dar zu Beginn des neuen Stücks von Daniel Kehlmann. Aber: nur sehr kurz.


Denn bald zeigt sich, hier bekommt nicht nur der Mentor tausende Euro für seinen väterlichen Rat, hier bekommt auch der Jungautor einen Batzen Geld - dafür, dass er sich erbarmt, dem Senior zuzuhören. Rubin hat ein einziges gutes Theaterstück geschrieben, davon zehrt er seit Jahrzehnten. Nun also muss sich der junge Autor, gefeiert als "Stimme seiner Generation", von Rubin sagen lassen, dass sein Text "ganz furchtbar" ist. In einem herrlich hasserfüllten Dialog greift Rubin den Satz "Als könnte ich noch wollen, was ich will, ohne zu wollen, ich wollte gar nichts mehr" heraus und analysiert: "Reiner Blödsinn macht noch kein Geheimnis!"

Alles nicht wahr?
Es sind geschliffene Bösartigkeiten, die die beiden austauschen. Und die in Folge tatsächlich zur Verunsicherung des so selbstbewussten Nachwuchstalents führen. Florian Teichtmeister vermittelt die leise aufsteigende Verzweiflung unaufdringlich präzise: die Panik, dass das, von dem man glaubt, es sei das einzige Talent, das man hat, nur Schimäre gewesen sein könnte. Was soll man auch glauben, wenn der einzige Kritiker, der einen toll gefunden hat, an ärztlich diagnostizierten "Zuständen unbegründeter Begeisterung" laboriert hat? Herbert Föttinger hat die Rolle Rubins von Michael Degen übernommen, der längerfristig krankheitsbedingt ausfallen wird. Der selbstgefällige Verführer mit den kleinen Brüchen steht dem Josefstadt-Direktor formidabel. Ruth Brauer-Kvam spielt die Frau von Martin Wegner, die sich nicht nur von den Stücken des Altmeisters angezogen fühlt, mit kühler Wut.

Kehlmanns "Der Mentor" hat das Zeug zum Publikumserfolg. Die Lacherdichte ist hoch, und bis zu einem gewissen Punkt leidet das Stück nicht unter seiner Unterhaltsamkeit. Kehlmann schafft es, einige Absurditäten des Kulturbetriebs behände aufzuspießen. Ein Mentorprojekt kann in einer Branche, für die die Egozentrik Antriebsmotor ist, nur grandios scheitern. Die Kultur ist eben kein "Sonntagsausflug lustig befreundeter Menschen", wie Rubin ganz richtig feststellt.

Auch eine Stichelei gegen das Regietheater, gegen das er schon in seiner berühmten Salzburger Festspielrede wetterte, konnte sich Kehlmann nicht verkneifen. Zwei Welten treffen am Arbeitsgartentisch zusammen: Auf der einen Seite der alte Dramatiker, der ein Wellmade-Play bevorzugt, auf der anderen Seite der junge Wilde, der Sätze sagt wie "Wenn ich wüsste, worum es geht, hätte ich das nicht schreiben müssen". Der seine Textstücke nur als Material für Regisseure sieht und mit deren Endprodukt er letztlich auch nichts anfangen kann. Ganz ohne Klischees kommt auch dieses Künstler-Doppelporträt nicht aus. Der Schriftsteller als immer schlechtgelaunter Ehemann des Grauens - dafür muss man noch kein Schriftsteller sein. Da trifft es die Beschreibung des Funktionärs Wangenroth (Siegfried Walther) unaufgeregt besser: "Außergewöhnlich sind die alle nicht. Nur unhöflicher."

Am Schluss macht es sich Kehlmann etwas zu leicht. Da purzeln die Motivationen der Protagonisten plötzlich munter durcheinander. Dass der Mentor seine Abscheu nur vorgetäuscht haben soll, kommt nicht überraschend. Sein Grund schon - er ist nur leider auch überraschend banal. Das schmälert aber die leichte, böse Freude, die man mit diesem Stück hat, nur wenig.

Theater

Der Mentor

Herbert Föttinger (Regie)

Mit Florian Teichtmeister, Herbert Föttinger

Theater in der Josefstadt




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-11-09 16:47:07
Letzte Änderung am 2012-11-09 18:00:32


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Mord mit Stil
  2. Spiegel und Zerrspiegel
  3. Cowboys, die Pailletten lieben
  4. Valery Tscheplanowa wird neue Buhlschaft
  5. Zank am Festspielgipfel
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video
  5. Schweigen im Blätterwald

Werbung



Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg. 

Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Bille August. Am Donnerstag, 15. Februar 2018, ging die Eröffnung der 68. Berlinale über den roten Teppich. Zahlreiche Stars aus nah und fern waren mit dabei.


Werbung