• vom 21.11.2012, 17:00 Uhr

Bühne

Update: 23.11.2012, 16:00 Uhr

Theaterkritik

Bittere Pointen




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Von Petra Paterno

  • Jura Soyfers "Der Weltuntergang" im Theater Rabenhof

Dem Untergang entgegentaumeln: Heribert Sasse, Pippa Galli, Markus Kofler. - © www.pertramer.at

Dem Untergang entgegentaumeln: Heribert Sasse, Pippa Galli, Markus Kofler. © www.pertramer.at

"Wahr ist, was die Kurse stützt, falsch, was keiner Aktie nützt", so lautet eine Liedzeile in Jura Soyfers "Der Weltuntergang". Die treffende Zustandsbeschreibung zur Uraufführung des Stücks anno 1936 scheint der Neuinszenierung von Regisseur Roman Freigaßner im Theater Rabenhof das Motto vorzugeben.

Das Spiel mit apokalyptischem Titel war Soyfers erstes von insgesamt fünf Dramen. Ein kosmisches Gericht bestimmt darin die Vernichtung der Erde durch einen Kometen namens Konrad. Eine verunsicherte Menschheit, die unmittelbar vor der Katastrophe steht, bildet die Ausgangssituation des Stücks, mit dem die Erdberger Bühne an den 100. Geburtstag des Autors erinnert.

Information

Theater
Der Weltuntergang
Von Jura Soyfer
Roman Freigaßner (Regie)
Rabenhof, Wh.: 23. Nov., 7. Dez.


In seinem Theaterdebüt stellte der politische Autor die Diagnose, dass die Erdbewohner in Verblendung und Dummheit ihren letzten Tagen entgegentaumeln, wobei das programmierte Verhängnis bisweilen sogar als umsatzfördernde Sensation begrüßt wird. Die Rabenhof-Fassung, von Regisseur und Chefdramaturg Freigaßner und siebenköpfigem Ensemble erstellt, versucht das leicht verstaubte Stück in die Gegenwart zu hieven, was in manchen Szenen erstaunlich gut glückt - wobei die gegenwärtige Wirtschaftskrise für bittere Pointen sorgt. Heribert Sasse als Physiker Guck versucht den Globus zu retten - und scheitert auf rührende Weise. Die Aktualisierungsbemühungen in Form rechtspopulistischer Politiker (Oliver Baier) und deren Liebschaften (Pippa Galli) rutschen dagegen ins allzu Schematische ab.

Countdown mit Schokolade
Die Stärke des Stücks stellen Soyfers Lieder dar. "Das Chanson der Titze-Tante", "Der Song des Guck" sowie "Das Kometenlied" haben nichts von ihrem Witz eingebüßt und gehören in der Live-Darbietung der Rockformation "Trojanisches Pferd" unter musikalischer Leitung von Matthias Bauer zu den Höhepunkten des kurzweiligen Abends. Freigaßner hat in der Gemeindebaubühne wiederholt für pointensichere und temporeiche Aufführungen gesorgt (zuletzt: "Die Bremer Stadtmusikanten"). Dessen bevorzugtes Stilmittel - Fake-TV-Aufzeichnungen sorgen für überzeichneten Realismus auf der Bühne - kommt auch in "Der Weltuntergang" ausgiebig zum Einsatz.

Der Spielort setzt sich aus einer irrwitzig anmutenden Anhäufung von Fernsehbildschirmen zusammen (Ausstattung: Christine Dosch, Videodesign: Niki Griedl), auf denen per Knopfdruck bedrohliche Bilder erscheinen. ORF-Nachrichtensprecher berichten dabei laufend vom nahenden Untergang, ATV ergänzt den Countdown um launige Society-Berichte. Chanteuse Birgit Sarata hält etwa folgenden Tipp parat: Ginge morgen die Welt unter, dann heute noch Schokolade und Champagner genießen. 




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Dokument erstellt am 2012-11-21 17:05:06
Letzte Änderung am 2012-11-23 16:00:21


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