Amorpher Bühnentüftler: Kieslers Bühnenbild für "Helen Retires", New York, 1934. - © Gottscho-Schleisner
Amorpher Bühnentüftler: Kieslers Bühnenbild für "Helen Retires", New York, 1934. - © Gottscho-Schleisner

"Die Bühne ist keine Kiste mit einem Vorhang als Deckel", konstatierte Friedrich Kiesler in den 1920er Jahren. Mit Aussagen wie diesen gehörte der Künstler bald zur Speerspitze jener Avantgarde, die gegen den bürgerlichen Kunstbegriff Sturm lief. Friedrich Kieslers Positionen zählten seinerzeit zu den radikalsten, erstaunlicherweise sind seine Arbeit jedoch kaum mehr bekannt.

Die jüngste Ausstellung im Österreichischen Theatermuseum - "Die Kulisse explodiert" - widmet sich nun bis 25. Februar verdienstvollerweise dem Gesamtwerk des mehrfach begabten Künstlers. Kuratorin Barbara Lesák arbeitet in Kieslers vielfältigen Betätigungsfeldern - Architektur, Bühnenbild, Ausstellungen - gekonnt Querverbindungen zum Theater heraus.

1890 in Czernowitz geboren, zog es Friedrich Kiesler 1908 zum Studium nach Wien. Als Maler ziemlich glücklos, wandte er sich in den 1920er Jahren schließlich dem Theater zu - und reüssierte als Bühnenbildner in Berlin. In der nach Neuheiten süchtigen Metropole begeisterte Kiesler etwa in Karel Capeks Roboterstück "W.U.R." mit elektromechanischen Kulissen. 1924 gestaltete Kiesler für das Rote Wien eine viel beachtete Ausstellung über neue Theatertechniken.

Verlachte Raumbühne


Damals stellte er auch erstmals seine eigene Raumbühne vor. Dieser Entwurf einer von allen Seiten bespielbaren Bühne wurde seinerzeit von zeitgenössischen Kritikern belächelt; mittlerweile sind solche Konstruktionen fixer Bestandteil vieler Bühnenbildner. Der Begriff Raumbühne ist Teil des Sprachgebrauchs geworden, ohne dass man sich noch an den Wortschöpfer erinnert.

Für Kiesler legte die Raumbühne den Grundstein für sein künstlerisches Universum, indem er den Raum an sich zu einem zentralen Gestaltungsmerkmal erhob. Von den Überlegungen zur Raumbühne gibt es eine direkte Parallele zu Kieslers urbanen Visionen einer Raumstadt, sowie der Space und Endless Houses, für die er eine biomorphe, für seine Zeit revolutionäre Architektur anstrebte.

Kiesler lebte von 1926 bis zu seinem Tod 1965 in New York und war über 20 Jahre als Bühnenbildner an der New Yorker Juilliard School of Musik engagiert. Szenenfotos vermitteln in der Wiener Ausstellung einen Eindruck von Kieslers künstlerischen Arbeiten in den USA.

Abgesehen von seinen Erfolgen als Designer und Bühnenbildner, tüftelte der Künstler zeitlebens an seinen architektonischen Visionen, rebellierte im Stillen weiterhin gegen Ecken und Kanten.

In einem Fernsehinterview aus 1962, das in der Schau zu sehen ist, präsentiert er hoffnungsvoll die von ihm mitentworfenen Modelle eines künftigen "idealen Theaters": "Wir stehen am Beginn einer Revolution und warten jetzt auf die Manager, die unserer Projekte verwirklichen wollen."

Kiesler wartete vergeblich. Bis auf ein einziges Bauwerk ("Shrine of The Book", Jerusalem, 1965) wurde keiner seiner architektonischen Entwürfe realisiert.