Ignaz Kirchner und Daniel Sträßer in "Einige Nachrichten aus dem All". - © APAweb/Robert Jäger
Ignaz Kirchner und Daniel Sträßer in "Einige Nachrichten aus dem All". - © APAweb/Robert Jäger

Mit weltumarmendem Großsprech trat Wolfram Lotz an. Er fordert ein "unmögliches Theater", wo "die Fiktion die Wirklichkeit verändert" und der Dichter unabhängig von der Welt ist. Solche Kriegsansagen an den Realismus haben einen langen Bart. In seinem 2011 in Weimar uraufgeführtem Stück "Einige Nachrichten an das All" spielt Lotz, Jahrgang 1981, mit der Realität, wo sie besonders unbegreifbar und doch wirkungsmächtig ist: mit der Leere des Kosmos, der Abwesenheit eines Gottes, dem Leid krebskranker Kinder, der Verdrängung des Todes sowie mit leeren Visionen von Wissenschaft, Politik, Kunst und Medienunterhaltung. Nicht widerlegbar ist der Merksatz: "Wir sind nicht gut aufgehoben in dieser Welt". Einziger Hoffnungsstrahl, rares Trostsymbol: ein Kind. Doch die Hirten und Könige in der Weihnachtsnacht fragen enttäuscht "Wo ist es?". Auch das Clown-Paar, das an Samuel Beckett erinnert, wünscht es sich vergebens. Banal die drei Worte, die das All von einer banal gewordenen Erde vernimmt: Mama - Bums - Unterhaltung.

Diese schwarze Condition-humaine-Komödie ist wegen ihrer Verweigerungskapriolen ("Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker") auf der Bühne schwer herzustellen. Im Theater Dortmund kam sie kürzlich als Film auf die Leinwand. Die erste halbe Spielstunde belässt der in Deutschland herumgereichte Jungregisseur Antú Romero Nunes vor einem roten Samtvorhang und vor einer Wand knapp dahinter aus fugenlos aufgetürmten Quadern. In solcher Intimität behält das philosophisch tief abgesicherte Konzept, die punktgenaue, manchmal lyrische Sprache, noch Façon: Im Hirtenspiel geht es Fragen nach dem Leid in der Welt (Theodizee), in der Klage eines alten Mannes über den Tod seiner Tochter um Suche nach Sinn, wo keiner ist.

Dieser Alte ist Ignaz Kirchner. Mit charmantem Missmut unterbricht er das Spiel mit Kommentaren. Kein Muppet, sondern personifizierte Weltweisheit und Sehnsucht. Das Debüt von Jasna Fritzi Bauer bereichert Wien um eine blutjunge Erzkomödiantin. Wie Daniel Sträßer, der Burg-Romeo in David Böschs Inszenierung, trägt sie ein Nadelstreif-Fräckchen. Diese Clowns kehren zwar immer wieder, doch erst am Ende, wenn die Schwangere stirbt, indem sie die Atemluft anhält, lösen sie sich wieder vom Gewicht der Realität.

Sobald sich die Bühne (von Florian Lösche) zu einem Raum öffnet, schlägt eine zerdehnte Satire zu. Matthias Matschke als Showmaster, der auch, Desillusion in trivialer Reinkultur, in seiner Rolle so heißt. Er zwingt den Zuschauern ein Klatschritual auf, wie Harald Schmidt in seiner Show. Sein Ego walzt er ungustiös aus, er lässt sogar seinen Wikipedia-Eintrag an die Bildwand werfen.

Als Gast bei Matschke tritt viermal Fabian Krüger an. Das erste Mal hätte genügt. Am Exempel einer auswattierten dicken Dame wird klar, dass nicht existiert, wer nicht in den Medien vorkommt. Als Naturforscher C. S. Rafinesque – er gab 1836 ein Schöpfungsepos ("Walam Olum", inzwischen unter Verdacht, gefälscht zu sein) der Lenape-Indianer heraus – kann man ihm so wenig folgen wie als Politiker-Karikatur ("Reinhold Lopatka") und als Heinrich von Kleist, Prototyp eines Verzweifelten. Wenigstens dessen Schimpfexzess gegen ein Bühnenkind gehört gestrichen.

Applaus für die deutsche Videodesignfirma "Impulskontrolle" und die mit dem stetigen Verrücken von Styroporwürfeln überbeschäftigten Bühnenarbeiter. Doch die Wiener Regie ist, so sei’s geklagt, am Text gescheitert. In üppiger Betriebsamkeit geht er zu oft unter.