In Goethes Jugendwerk hineingehorcht: Frank Seppeler, Franziska Walser, Edgar Selge in der Zürcher-Fassung. - © Toni Suter
In Goethes Jugendwerk hineingehorcht: Frank Seppeler, Franziska Walser, Edgar Selge in der Zürcher-Fassung. - © Toni Suter

Oben oder unten? Mehr vom "Urfaust"? Oder aus Elfriede Jelineks 35.0000-Worte-Kommentar zur Kinder- und Frauentragödie von Amstetten? Der junge Regisseur Dusan David Parizek brachte in Zürich im Schauspielhauskeller und Pfauensaal die Uraufführung von Jelineks "FaustIn and out" unter dem Übertitel "Faust 1 - 3" heraus. Auch beim Simultangastspiel in St. Pölten durften die Zuschauer wählen zwischen dem atmosphärisch dichten Fritzl-Keller und einer schlichten Neutralbühne.

Jelineks als Opferanwältin


Der "Urfaust" ist der sturmerprobte Ewigkeitsbaum, aus dem Jelineks "Sekundärdrama" wie eine Mispel Saft und Kraft saugt. Drei Kellerfrauen, Kellerkinder - GeistIn, FaustIn, GretIn - reden über das Ungeheuer Mann, wie Goethes Gretchen es nicht einmal denken konnte, wollte. Als Opferanwältin erfüllt Jelinek ihre moralische, mit ihrer Kadenzensuche auf Goethes Sprachklavier ihre dichterische Rolle.

Aus den elendslangen Frauenmonologen kommen Bruchstücke über Video ins Oberhaus. Doch der Geist von drunten unterwandert auch den klassischen Text. Das Stethoskop, mit dem Jelinek den "Urfaust" nach Höhen, Tiefen, Akkorden abhörte, führt Regisseur Parizek mindestens ebenso virtuos. Edgar Selge und Frank Seppeler wechseln sich in allen Rollen ab, sind Faust und Mephisto, Gottvater im Himmel und auf dem Theater, Famulus und Schüler in einer Reihe mimischer Pakte mit scheinbar aus dem Zusammenhang gerissenen Dichterwort.

Die Textmontage (Dramaturgie: Roland Koberg) und die beiden Verwandlungszauberer: Wann hat man so genau in Goethes Jugendwerk hineinhören können? In bekannte Zitate, hier aber unabgenützt, und versteckten Witz. Nach der halben Spielzeit klettern die Jelinek-Damen (Franziska Walser, Miriam Maertens, Sarah Hostettler) mit ihren ZuhörerInnen aus der Tiefe auf die Hauptbühne.

Doch Herr und Frau Jedermann als Kellerzeugen haben das Schönste des Abends schon versäumt.