Brenzlige Verhältnisse: Karl (Philipp Hauß, l.), Otto (Martin Schwab), Linde (Barbara Petritsch). - © apa/Techt
Brenzlige Verhältnisse: Karl (Philipp Hauß, l.), Otto (Martin Schwab), Linde (Barbara Petritsch). - © apa/Techt

Das Prinzip Familie präsentiert sich am Theater häufig als Krisengebiet, in dem sich die Mitglieder einer Sippe in einem Knäuel aus Schuld und Unfreiheit verstrickt finden. In Ewald Palmetshofers jüngstem Stück "räuber.schuldengenital", das Stephan Kimmig am Akademietheater uraufgeführt hat, erreicht das ohnehin brenzlige Generationenverhältnis nun neue Dimensionen an Härte, Strenge, Unerbittlichkeit - zwischen den Geschlechtern herrscht absoluter Ausnahmezustand.

Karl ist eine Elendsgestalt, mit zerrissenem T-Shirt, dreckverschmiertem Gesicht: Philipp Hauß präsentiert, fulminant auf dem Punkt, einen Mann in all seiner Tristesse. Karls jüngerer Bruder Franz - die Namen sind aus Schillers Sturm-und-Drang-Klassiker "Die Räuber" entlehnt - verkörpert Burg-Neuzugang Christoph Luser: knallenge Jeans, laszives Gehabe, derbe Sprache. Franz nach Palmetshofer wirkt ganz und gar nicht wie Papas Liebling aus der Schiller’schen Vorlage, er ist hart geworden durch ein Leben auf der Straße. Es sind diese beiden "ausgezehrten Wölfe", wie es im Stück an einer Stelle heißt, die per Autostopp zu ihren Eltern reisen, die offenbar am Land leben; die Bühne von Oliver Helf deutet dies durch eine lieblose, von Plastikbäumen und Abfall verstellte Landschaft an.

Wiedersehen in Angst
und mit Aggression


Das gediegene Eigenheim stellt sich als weißgetünchte Kulissenwand heraus, ohne Mobiliar. Auftritt der Kleinbürger-Eltern in Morgenmänteln, die das ganze Stück über nicht mehr abgelegt werden: Barbara Petritsch in einem rotgeblümten textilen Alptraum, Martin Schwab in bieder-gestreiftem Gewand; die Söhne haben sich für den Besuch mit schlecht sitzenden Anzügen zurechtgemacht. Wiedersehensfreude will hier nicht aufkommen: Die Begegnung der Familienmitglieder ist, von Beginn an, von Angst und Aggression geprägt. Kein simples "Guten Tag" kommt von selbst über die Lippen. Die Heimkehrer sind - anders als bei Schiller - nicht willkommen.

Ewald Palmetshofer, einer der bemerkenswertesten österreichischen Gegenwartsdramatiker, porträtiert in "räuben.schuldengenital" mit bestechend sprachlicher Präzision eine gedemütigte Generation in politisch prekären und wirtschaftlich katastrophalen Zeiten. Die Elterngeneration brachte es im Sozialstaat zu Ansehen und Wohlstand; die Nachkommen dagegen, scheitern am globalen Neo-Kapitalismus und stehen vor der Frage, wie sich ohne Visionen und mit leeren Kassen so etwas wie Zukunft überhaupt noch gestalten lässt. Das Stück, so der 34-jährige Autor
im Programmheft, sei die Geschichte einer völlig namenlosen Verzweiflung.

Ambivalentes Riot Grrrl im Röckchen und Dr. Martens


Regisseur Stephan Kimmig glücken für die existenzielle Misere eindrucksvolle szenische Umsetzungen, die pointierte Personenführung wirkt bis in Nebenfiguren hinein, etwa im Fall der Nachbarsfamilie: Therese Affolter, eine verbiesterte Alte im Rollstuhl, schikaniert ihre arbeitslose Tochter Petra unentwegt. Sarah Viktoria Frick - zartes Ballettröckchen, klobige Dr. Martens - verkörpert das gequälte Mädchen als ambivalentes Riot Grrrl: verträumt, verbittert, verschossen in Franz und Karl, das unbändige Brüdergespann, und letztlich zum Einsatz von Gewalt bereit.

Die Jungen sind gekommen, um das Erbe der Alten einzufordern, die damit nicht rausrücken wollen. Schließlich entreißen die juvenilen Räuber dem Postboten die Rentenauszahlung. "Wir kommen nicht allein des Geldes wegen", lautet die Tirade,esgehedarum, "das Ideelle mitzunehmen nach dem Geld, wir wollen das Mehr-als-Geld, wenn alles fort und nichts mehr da, bleibt doch bestimmt nicht nichts, nicht wahr?" Mit Verlusten ist zu rechnen. Für die Figuren gibt es am Ende nichts als apokalyptisch anmutende Videobilder eines alles verzehrenden Feuers.

Theater

räuber.schuldengenital

Von Ewald Palmetshofer

Stephan Kimmig (Regie)

Akademietheater

Wh.: 22., 30. Dezember,

5. und 16. Jänner