Steinatmer: Franziska Hackl und Max Mayer. - © A. Pelekanos
Steinatmer: Franziska Hackl und Max Mayer. - © A. Pelekanos

"Das Leben ist wunderschön und es passt nicht in meinen Kopf." Deswegen macht Paula Fotos. Sie ist nicht die Einzige im Stück "Luft aus Stein", die Fotografien braucht, um mit ihrer Situation zurechtzukommen. Schon ihr Großvater schickte aus dem Krieg lieber Naturaufnahmen, als in Briefen von seinen Erlebnissen zu berichten. Das bleibt ihm freilich nicht erspart, als er nach Hause kommt. "Die Einzigen, die wir sterben sehen, sind unsere Leute. Vom Feindesland haben wir nur einen Hirsch erlegt", erzählt er.

Er ist ein gebrochener Mann, und irgendwie zerbrochen sind sie alle, die drei Generationen einer Familie, die Anne Habermehl in ihrem Stück gekonnt verschränkt. Drei Zeitebenen gibt es: Die eine spielt sich im Zweiten Weltkrieg ab, eine muntere Frau und ein schüchterner Forscher werden 1943 ein überhastetes Liebespaar. Eine Generation später, in den 60ern, muss die Frau, die den Mann von damals längst verlassen hat, damit leben, dass sie nun ihre Tochter verlässt. Noch eine Leerstelle gibt es hier: einen toten Bruder, den die Tochter nicht aufgeben kann. "Du hast sein Foto gefressen wie Brot!", wirft sie der Mutter vor.

Schaumkugeln des Lebens


Unsere Gegenwart ist die dritte Zeitebene: Hier gibt es einen Bruder für die Schwester, und sie lieben sich mehr, als es sich für Geschwister geziemt. Ein Unfall beendet die drogengeschönte Liaison abrupt, Paula verliert dabei ihre Sprache und greift zum eingangs erwähnten Fotoapparat. Ihr Bruder zürnt: "Fotos sind ein Verrat am Augenblick."

Zu Beginn erklärt ein Arzt, dass wir im Zeitalter der Neuroleptika und Antidepressiva sind. In "Luft aus Stein" wird klar, warum: Die nachfolgenden Generationen schleppen wacker die Katastrophen der vorigen mit sich herum. "Ihr lasst uns verhungern in diesem Geisterland", schreit die jüngste Generation. Der Großvater hatte noch gehofft, "die Zukunft zu gewinnen". Habermehls Stück thematisiert auch den Verlust der Sprache, beschreibt Zungen aus Stein, und das wiederum mit einer treffsicher poetischen Sprache, die die Schaumkugeln und Kolibriherzen des Lebens anruft. Die Autorin selbst hat "Luft aus Stein" im Schauspielhaus inszeniert, und das ist ihr kompakt und eindringlich gelungen. Diese reduzierte Familienskizze ist ein spannendes und berührendes Panorama. Katja Jung, Gideon Maoz, Franziska Hackl und Max Mayer spielen ihre Mehrfachrollen differenziert, aber doch in einer verblüffenden familiären Einheit. Ein Theaterabend, der aus dem von der jüngsten Generation beklagten "Vergangenheitskrebs" das Beste macht.

Theater

Luft aus Stein

Schauspielhaus

Wh. 19., 26., 30. , 31. Jänner