Von Leidenschaft getrieben: Rolando Villazón und Eva Liebau in "Lucio Silla". - © Matthias Baus
Von Leidenschaft getrieben: Rolando Villazón und Eva Liebau in "Lucio Silla". - © Matthias Baus

Zwei schallende Ohrfeigen handelt sich der römische Diktator Lucio Silla ein. Die eine von seiner Schwester, weil der notgeile Knabe auch ihr gegenüber seine Hände nicht in Zaum halten kann. Die andere von Giunia, hinter der er eigentlich her ist.

Eine hoffnungslose Angelegenheit, schließlich hat Lucio Silla Giunias Vater ermorden lassen. Die Tochter will er zur Frau. Er wird nachgeben müssen: Wir sind in der Oper des 15-jährigen Mozart erstens (ideologisch) in der Zeit der Aufklärung und zweitens (musikalisch) in der Hoch-Zeit des Sturmes und Dranges.

Allseits heftige Gefühle, die in der Mozartwochen-Produktion im Haus für Mozart zuerst einmal aus dem Orchestergraben aufsteigen, von den ersten trompetenschmetternden und fagottschnarrenden Akkorden der Ouvertüre weg. Marc Minkowski und die Musiciens du Louvre lassen keine Sekunde Zweifel, dass musikalisch längst eine andere Ära angebrochen ist. Was wir auf der Bühne sehen, ist Opera-Seria-Hülle von gestern, Aufsässigkeit von heute und Bekenntnismusik von morgen.

Rolando Villazón fühlt sich sängerisch merklich wohl in seiner ersten Salzburger Mozart-Hauptrolle. Mit sonorer, in Mittellage und Tiefe dunkler und gefestigter Stimme, mit diszipliniert geführten Koloraturen, aber immer noch mit einem gerüttelt Maß an lausbübisch-manierierter Gestaltung, überzeugt er als Lucio Silla.

Unverbrauchte Besetzung


Eine wunderbare Gruppe von jungen, unverbrauchten, einsatzwilligen und koloraturengewandten Sängerinnen um ihn herum: Olga Peretyatko ist eine Giunia, die ihren Hass auf Lucio Silla genau so glaubwürdig hinausschleudert wie Liebe und Verzweiflung gegenüber ihrem Verlobten Cecilio. In der Hosenrolle trifft die Mezzosopranistin Marianne Crebassa mit geschmeidigen Tiefen und lichter höherer Lage genau das rechte Gegengewicht. Die junge Lettin Inga Kalna setzt eher auf exzessiv eingefärbte, aber brillante Koloraturen. Schließlich Eva Liebau in der Rolle der Despoten-Schwester Celia, nicht minder gewandt in den halsbrecherischen Fiorituren der Partie.

Im Allerwelts-Bühnenbild geht’s uraltmodisch zu. Regisseur Marshall Pynkoski kommt vom Tanz her. Und er bemüht sich um ein Gestenvokabular, das in der Opera seria vielleicht wirklich so oder so ähnlich ausgesehen hat. Historische Rekonstruktion absonderlichster Art? Unentwegtes Händeringen jedenfalls und Zu-Boden-Sinken. Nicht nur Lucio Silla ist im Dauerlauf unterwegs im alten Rom, das von einer Veitstanz-Epidemie geplagt wird.

Das schrammt oft an der und über die Grenze zur Lächerlichkeit, spiegelt aber auch die latente Binnen-Spannung in dieser Zeitenwende-Oper, die Diskrepanz zwischen überkommener Form und damals hochbrisantem politischem Denken.