Wien. Da richten sich alle Augen und Ohren des klassikliebenden Mitteleuropa auf die Mailänder Scala an diesem 14. Februar 1953: Herbert von Karajan, vielfach als bedeutendster Dirigent der Gegenwart gepriesen, dirigiert die Uraufführung der "Trionfi" von Carl Orff, dem fraglos bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten des deutschsprachigen Raums. Was die meisten nicht wissen: Hinter den Kulissen ist längst ein handfester Konflikt entbrannt zwischen dem Komponisten und dem Dirigenten.

Orffs Verlag und Karajans Management hatten großes Interesse, die beiden Zugpferde der klassischen Musik (Orff hatte immerhin den Dauerbrenner "Carmina burana" geschrieben) zusammenzubringen. Orff jedoch war auf Distanz zu Karajan. Er machte, unter anderen, ihn dafür verantwortlich, dass seine "Antigonae" bei den Salzburger Festspielen 1949 nicht unter optimalen Bedingungen in Szene ging. Doch die "Antigonae"-Probleme waren Lappalien gegen das, was sich nun in Mailand abzuzeichnen begann. Ein regelrechtes Uraufführungs-Debakel nämlich.

Dabei war an dem Abend nur ein Stück neu: "Trionfo di Afrodite". Mit dieser szenischen Kantate vervollständigte Orff einen Zyklus, den er mit "Carmina burana" begonnen und mit "Catulli carmina" fortgesetzt hatte. Die Grundidee war, drei Aspekte der Liebe zu beschreiben: "Carmina burana" zeigt das Werben um die Geliebte, "Catulli carmina" die scheiternde Liebe, "Trionfo di Afrodite" schließlich ist ein antikes Hochzeitsfest.

Karajan nun will nicht nur dirigieren, er will auch Regie führen - und keine anderen Verpflichtungen absagen. Damit ist er heillos überlastet.

Obendrein kommt der Dirigent mit Orffs neuem Werk nicht zurecht: Noch stärker als "Carmina burana" und "Catulli carmina" basiert es auf der vielfachen Wiederholung kleiner rhythmischer Zellen. Das Herausarbeiten präziser Rhythmik war ohnedies nie Karajans Sache, dessen Klangbild zum luxuriösen Sfumato tendiert. Obendrein tritt nun eine dissonant geschärfte Harmonik auf den Plan, die sich auch in den langen liegenden Akkorden manifestiert, über denen die Solostimmen in komplexen Linien frei ausschwingen. Kurz gesagt: Es ist keine Karajan-Musik.

Karajan verliert die Lust an der Produktion - abgeben, wozu ihm sein künstlerisches Gewissen eigentlich raten müsste, will er sie jedoch nicht. Und so stutzt er sich die Werke zurecht. Bei "Catulli carmina" streicht er die dramaturgisch wichtigen instrumental gestützten Rahmenteile und belässt nur den A-cappella-Mittelteil. Noch schlimmer sind seine Eingriffe im "Trionfo", denn hier kürzt er in die Wiederholungen hinein, zerstört Balancen und formale Prozesse, die bei Orff stets komplexer sind, als sie sich anhören oder in der Partitur lesen mögen.

Orff, fuchsteufelswild, reist ab. Danach hängt der Haussegen zwischen ihm und Karajan endgültig schief. Dementsprechend sind die "Carmina burana" eines der ganz wenigen Erfolgsstücke, die Karajan nie einspielt und auch nie wieder dirigiert. Und Orff verpasst dem Dirigenten eine Ohrfeige, als er die "Trionfo"-Aufführung Ferdinand Leitners als die wahre Uraufführung feiert.

Lange Jahre später sollen dann die beiden Zugpferde der deutschsprachigen Klassikszene miteinander versöhnt werden: 1973 obliegt Karajan die Uraufführung von Orffs Endzeit-Vision "De temporum fine comoedia" bei den Salzburger Festspielen. Doch wieder will es zwischen Orff und Karajan nicht klappen. Wenigstens verzichtet der Dirigent diesmal auf Eingriffe, aber zufrieden ist Orff abermals nicht und überlegt, ob es nicht besser wäre, das Werk einem anderen Dirigenten anzuvertrauen. Die Aufführung kommt zustande, wird bejubelt und von Karajan für Schallplatte aufgenommen.

Längst aber ist zu viel Porzellan zerschlagen: Die Wege der beiden Musiker kreuzen sich nachher nie wieder.