• vom 20.02.2013, 16:42 Uhr

Bühne


Theaterkritik

Aufstand der Aussortierten




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Von Kai Krösche


    Viper im Pelz: Maria Hofstätter als bösartige Alte.

    Viper im Pelz: Maria Hofstätter als bösartige Alte.© Lichtenthal Viper im Pelz: Maria Hofstätter als bösartige Alte.© Lichtenthal

    Ein Leben lang haben sie sich gebeugt, haben die Untergebenen gespielt, für Kost und Logis und ein schmales Taschengeld ihre Haut faltig und die Hüfte krumm geschuftet. Doch damit ist jetzt Schluss: Anna, die Schneiderin und Martha, die Köchin haben ihre Herrin in eine Tiefkühltruhe verfrachtet und lassen sie dort ersticken. Weil das seine Zeit dauert, unterhalten sie sich - machen sich Vorwürfe, giften sich an, verletzen sich gegenseitig; geben sich aber auch Halt, reden einander zu, erzählen Episoden aus ihrem Leben.


    Das Vorarlberger Projekttheater unter der Regie von Susanne Lietzow hat Dea Lohers 2001 in Hamburg uraufgeführtes Stück "Anna und Martha. Der dritte Sektor" mit den beiden hochkarätigen Darstellerinnen Maria Hofstätter und Martina Spitzer auf die Bühne gebracht; nach der Premiere in Vorarlberg kommt die Aufführung nun ans Theater Nestroyhof Hamakom in Wien. Mit wenigen Mitteln und sich auf das scharf konturierte Spiel der Schauspielerinnen konzentrierend, gelingt Lietzow eine intensive und mitreißende Interpretation des beunruhigenden Textes.

    Hofstätter zeichnet ihre Martha als undurchschaubare, kinderlose Alte, hinter deren harter Schale sich unerfüllte Liebe und der Wunsch nach einem besseren Leben verbergen. Puppenspielerisches Talent beweist sie in der Rolle des Meier Ludwig, der in zwei kurzen, verstörenden Szenen von der Entfremdung vom eigenen Leben erzählt.

    Alptraumhafter Sog
    Martina Spitzer spielt ihre Anna als nervös-steife, von Neid, Missgunst und dem Schmerz über den Tod ihres Mannes und ihres Sohnes zerfressene Alte; wie sie giftet und zischt, sucht seinesgleichen. Als afrikanische Putzfrau Xana mit dunkelbrauner Wollperücke besticht sie durch ihre subtile (Körper-)Sprache.

    Dass bei der dargestellten Niedertracht und Hässlichkeit die Protagonistinnen dennoch als leidende, vielleicht gar bemitleidenswerte Geschöpfe zu erkennen sind, ermöglicht der beeindruckende Text, die überzeugenden Schauspielerinnen sowie die einfallsreiche Regie.

    Ohne die Inszenierung zu überfrachten, schaffen Lützow und ihr Team durch am Stil alter Stummfilme orientierter Projektionen sowie den subtilen Einsatz von Musik, Licht, Puppen- und Maskenspiel einen (alp-)traumhaften Sog.

    Auf diese Weise umschifft die Inszenierung gekonnt die Gefahr, Lohers Text auf ein plattes politisches Statement zu reduzieren; stattdessen werden die Zweischneidigkeit der Figuren und die stets neu verhandelten Hierarchien auf ästhetisch dichte Weise in starke Bilder überführt.

    Theater

    Anna und Martha.

    Der dritte Sektor

    Von Dea Loher

    Susanne Lietzow (Regie)

    Mit: Maria Hofstätter u.a.

    Theater Nestroyhof Hamakom

    Wh: 21. - 23. Februar




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    Dokument erstellt am 2013-02-20 16:47:04


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