David Bösch verwendet ein Glossar, um mit Nestroys Sprache zurechtzukommen. - © apa/Herbert Pfarrhofer
David Bösch verwendet ein Glossar, um mit Nestroys Sprache zurechtzukommen. - © apa/Herbert Pfarrhofer

Wien. Die aktuelle Burgtheater-Saison ist wie keine zuvor unter der Direktion Hartmann von österreichischen Dramatikern geprägt. Nach Raimund, Bernhard, Jelinek und Jungdramatiker Palmetshofer feiert am Samstag Nestroys "Talisman" im Akademietheater Premiere. Johannes Krisch und Sara Viktoria Frick, das bittersüße Paar aus "Stallerhof", findet dabei als Titus Feuerfuchs und Salome Pockerl in einem Happy End zueinander. Regie führt, wie bereits bei "Stallerhof", David Bösch (35), einer der bekanntesten und überzeugendsten Spielleiter seiner Generation. Seit dem Abschluss des Regiestudiums 2004 in Zürich ging es für Bösch Schlag auf Schlag: Bei den Salzburger Festspielen ließ er mit einer knalligen Simon-Stephens-Aufführung "Port" aufhorchen, der verstaubten Liebestragödie "Romeo und Julia" verpasste er Street-Credibility; Böschs Bochumer Shakespeare-Adaption geriet zum Hit, sodass der damalige Intendant und heutige Burg-ChefMatthias Hartmann diese bei seinem Wechseln zuerst nach Zürich und später nach Wien mitnahm. Seitdem hat Bösch im Akademietheater regelmäßig und überaus erfolgreich inszeniert.

"Wiener Zeitung": Mit "Talisman" inszenieren Sie erstmals ein Stück von Johann Nestroy. Wie geriet Ihre Begegnung mit dem Meister des Altwiener Volksstücks?

David Bösch: Überaus lustvoll. Ein Autor wie Nestroy fehlt in Deutschland, weil er, anders als Schiller und Goethe, Theaterpraktiker war. Man merkt es Nestroys Sprache an, dass er, wie Molière und Shakespeare Schauspieler war, und mit diesem praktischen Verständnis seine Figuren gezeichnet hat. Das macht Autoren wie Nestroy und Raimund im deutschsprachigen Raum so einzigartig. Vielleicht ist es sogar von Vorteil, wenn man sich als deutscher Regisseur mit Nestroy beschäftigt, da man von Tradition und Schullektüre unbelastet ist. Zugleich stellen wir selbstverständlich eine Version auf die Bühne, die unserer Zeit angemessen ist.

Nestroy gilt als Sprachkünstler und Worterfinder. Wie gehen Sie mit dessen Sprache um?

Als Piefke ist mir das österreichische Idiom fremd. In der Vorbereitung legte ich mir für einzelne Wörter regelrecht ein Glos-
sar an. Aber die Österreich-Credibility ist bei uns durch Schauspieler wie Branko Samarovski, Johannes Krisch, Regina Fritsch und die nestroyerprobte Maria Happel gegeben. Spannender sind auch die Wortschöpfungen, diese poetische und schlawinerische Kraft, die Nestroy seinen Figuren mitgegeben hat. Nestroy verstand es, aus relativ einfachen Stoffen interessante Charaktere zu zeichnen, außergewöhnliche Wortschöpfungen zu kreieren und dem ganzen eine gewisse Anarchie zu verpassen. Das macht ihn für mich zu einem der großen Autoren des deutschsprachigen Theaters. Die Auseinandersetzung mit Nestroy war für mich ein Stück weit ähnlich jener mit Shakespeare.