Ferngesteuerte Zukunftspläne: Daniel Jesch (Gabriel), Jana Horst (Ophelia), Sven Dolinski (Emissär G. Sichte) bei der Uraufführung des jüngsten Stücks von Petra Maria Kraxner. - © Georg Soulek
Ferngesteuerte Zukunftspläne: Daniel Jesch (Gabriel), Jana Horst (Ophelia), Sven Dolinski (Emissär G. Sichte) bei der Uraufführung des jüngsten Stücks von Petra Maria Kraxner. - © Georg Soulek

Zwei einsame Menschen von heute in einem Hotelzimmer mit frisch bezogenem Doppelbett: Ophelia und Gabriel - er Callboy, sie Jungakademikerin, überqualifiziert und daher arbeitslos. Verlegenheit beiderseits. Er quasselt mit gespielter Munterkeit drauflos, fällt jedoch, sobald es zur Sache gehen soll, in Ohnmacht.

Auf der Basis dieser mehrfach wiederholten Ausgangssituation zeigt Petra Maria Kraxner, Jahrgang 1982, in "Die gesetzliche Verordnung zur Veredelung des Diesseits" mehrere Varianten, inklusive wechselnder Geschlechterrollen, wie sich die Beziehung zwischen den Beiden, die naturgemäß gar nicht Ophelia und Gabriel heißen, in der Folge gestalten könnte.

Letzter Ausweg: Bausparen


Auf den ersten Blick erfüllt der im Vestibül uraufgeführte Text der Tiroler Nachwuchsdramatikerin, die bereits bei den Autorenwerkstatttagen der Burg 2008 aufgezeigt hat, perfekt alle Vorgaben des postdramatischen Theaters.

Oszillierende, zu wirklicher Kommunikation unfähige Figuren, die ihr Geheimnis nicht wirklich preisgeben, mühen sich ab, den Zwiespalt zwischen eigenen Wünschen und gesellschaftlichen Normen der realen Welt im Globalisierungszeitalter irgendwie zu bewältigen. Ist angesichts der geschädigten Umwelt ein Bausparvertrag mit Aussicht auf eine wärmegedämmte Eigentumswohnung der einzige Ausweg? Oder sind derartige Zukunftspläne Resultat einer unbewussten Fernsteuerung, wie es die Auftritte des geheimnisvollen Emissärs in der Zwischenwelt des Ohnmächtigseins visionär suggerieren? All das kennt man zur Genüge.

Wie auch immer: Kraxner deckt jedoch die postdramatischen Stilmittel augenzwinkernd mit sprachlicher Subtilität gekonnt auf, in Ausweitung des performativen Sprechaktes auf die Rezipienten, dazu nur ein Beispiel: Ein merkwürdiger Emissär namens G. Sichte etwa evoziert die im Ohnmachtszustand auftauchenden "Gesichte" der Figuren. Demgemäß nimmt auch Regisseurin Caroline Welzl den Text beim Wort und gestaltet das postdramatische Gebilde zusammen mit einem begeisternden, aus Fragmenten Figuren formenden, den eigenen Körper virtuos einsetzenden Schauspieler-Trio mit Jana Horst (Ophelia), Daniel Jesch (Gabriel) und Sven Dolinski (Emissär G. Sichte) zum komödiantischen Theater-Erlebnis.

Auch die unterschwelligen Literatur-Zitate werden wie selbstverständlich visualisiert: Sven Dolinski, der als schwarz gekleidet einherschleichender, mit prächtig gekünstelter Artikulation das Unbewusste aufrüttelnder, fallweise schwarz beflügelter Dämon die Fäden zieht, wird zur Ikone des schrecklichen Engels aus Rilkes Duineser Elegien.

Dass es im Herbst für einen Hausbau zu spät ist, klingt auch am Ende in der musikalischen Paraphrase von Rilkes poetischem Nachruf auf den "sehr großen Sommer" an. ". . . es ist Zeit" könnte auch als Motto zur Aufmischung der - im Vestibül bestens gelungenen - Aufmischung der postdramatischen Theaterlandschaft stehen.

Theater

Die gesetzliche Verordnung zur Veredelung des Diesseits

Von Petra Maria Kraxner

Carolin Welzl (Regie)

Mit Jana Horst, Daniel Jesch, Sven Dolinski

Burgtheater/Vestibül

Wh.: 18., 22. März, 8., 17. April