Paris. Er war einer der großen Fantasten in diesem Zeitalter der Ernüchterung - Jérôme Savary. Am Montagabend starb der Theatermacher 70-jährig an den Folgen einer Krebserkrankung.

Der einstige Agent Provocateur zählte zu den wichtigsten französischen Bühnenkünstlern: Als Theaterintendant stand er diversen französischen Bühnen vor, als Regisseur feierte er international Erfolge. Mehr als 300 Aufführungen hat der Vielarbeiter inszeniert und dabei an prestigeträchtigen Bühnen gewirkt - wie der Mailänder Scala, dem Schauspielhaus in Hamburg, der Berliner Volksbühne und dem Wiener Burgtheater. Zunehmend erwiesen sich die Aufführungen des Bühnenstürmers als massentauglich - er inszenierte beispielsweise "Die Zauberflöte" für die Seebühne der Bregenzer Festspiele und entwarf eine Show für die Eisrevue "Holiday on Ice".

Wüster Theaterrebell

In den 1970er Jahren war Savary aber so etwas wie der Inbegriff des rebellischen Künstlers. In dem bewegten Jahrzehnt, in dem Bühnengewissheiten mit Hauruck abgelegt und allerorts neue Theaterformationen gegründet wurden, war auch er Anführer einer wilden Theaterhorde.

Savary versammelte im "Grand Magic Circus" zum Teil Laiendarsteller und Akrobaten um sich und führte als Conférencier durch die revueartigen Vorstellungen. Unter seiner Mitwirkung entstanden Aufführungen voll ästhetischem Übermut, er verzwirbelte Akrobatik, Schauspiel, Musik und Tanz zu stundenlangen Spektakeln mit Titeln wie "Good bye, Mr. Freud" und "Les Grandes Sentiments". Seine Spezialität waren frivole, tabubrechende Arbeiten, die in der bürgerlichen Presse regelmäßig für Skandale sorgten.

Ursprünglich wollte Savary, als Sohn eines Schriftstellers in Buenos Aires geboren und in Frankreich aufgewachsen, jedoch Musiker werden. Als 19-Jähriger ging er nach New York, schlug sich als Jazzmusiker durch - Savary spielte Trompete - und freundete sich mit Allen Ginsberg und Jack Kerouac, den Künstlern der Beat-Generation, an. Zurück in Frankreich gründete er seine erste Theatergruppe und legte los.

Kein kühler Interpret

Der internationale Durchbruch glückte in den 1980er Jahren, es folgten Einladungen nach Deutschland und zu internationalen Festivals, für "Cabaret" wurde er 1987 mit dem Theaterpreis Molièr geehrt. In dieser Zeit begann auch Savarys Laufbahn als Intendant, er leitete er die Nationalbühne in Languedoc-Roussillon. Nach einem Intermezzo in Lyon war er von 1988 bis 2000 Direktor des Pariser Chaillot-Theaters und übernahm im Jahr 2000 die Pariser Opera Comique., die er aus den roten Zahlen führte und bis 2007 führte.

In seinen letzten Lebensjahren hat er Ferdinand Raimund für sich entdeckt und unter Intendantin Isabella Suppanz drei prägende Aufführungen am Landestheater St. Pölten inszeniert. Jérôme Savary war weder kühler Interpret noch nüchterner Kunst-Macher, sondern überbordender Bühnenmagier, der es verstand, auf der Bühne ungeahnte Kräfte in seinen Schauspielern freizusetzen.