Bruchgold und letzte Schmähs: (v.l.) Hannes Lengauer, Sascha Tscheik und Marko Koelbl. - © Palffy
Bruchgold und letzte Schmähs: (v.l.) Hannes Lengauer, Sascha Tscheik und Marko Koelbl. - © Palffy

Alles finster. Hannes Lengauer stimmt mit waffenpasspflichtigen Schreien den "Schweinetransport" an. Ganz früh hat Wolfgang Bauer Mikrodramen wie dieses geschrieben, die jeden Theaterapparat überfordern mussten. Wie brächte man einen menschfressenden Eber auf die Bühne?

Im Bühnenlicht, auf einer aufgemalten Roulettescheibe, die Puppe eines livrierten Afrikaners wie aus einem Joseph-Conrad-Roman auf der einen, ein flaschenreicher Bartresen auf der anderen Seite folgen zwei Stunden einschmeichelnde Ansagen in absurden Dialogen, selbstverliebte Spiegelungen von Theatertheorien in dero eigenem Wellenschlag, ganze Gedichte zu Popsongs hochgepeitscht, Bruchgold aus den großen Stücken wie "Magic Afternoon", "Change", "Massaker im Hotel Sacher", "Gespenster", "Magnetküsse".

Zuletzt die von Bauer und Gunter Falk 1965 in Graz ironisch und lebensängstlich verkündete Glückseligkeitsbotschaft "Happy Art & Attitude". Bauer - was willst du mehr? Es ist zu viel und doch nicht genug. Hubsi Kramar redigierte und inszenierte im Rabenhof "Wolfi Bauer Superstar": den Galopp eines Riesenensembles durch Szenenerfindungen in der kleinen Form. Trotz vieler poetischer Ausreißer drückt freilich Kabarett-Klamauk den fraglos begabtesten österreichischen Dramatiker seit Horváth ins Tief der starken Sager und schrägen Gags.

Alleinunterhalter


Große Minuten gelingen der sich Lucy McEvil nennenden transsexuellen Diseuse, dem verhuschten Latin Lover Stefano Bernardin, dem schlaksigen Impresario Kramar selbst und der geheimnisvoll verstörten Sonja Romei. Mike Blumentopf zitiert die Beatlemania und den Vietnamkrieg auf der Videowand.

Gewiss war Bauer auch Alleinunterhalter und gelangte im Umgang mit berauschenden Substanzen weit übers Experimentierstadium hinaus. Doch wer wie Kramar drei Dutzend zumeist gspaßige Effektspitzen aus dem Lebenswerk herausschneidet, verwertet ihm brauchbar scheinende Restln und unterschlägt das konsistente Ganze. Hinter scheinbar fiebrigen Emanationen steht ein hochgebildeter Geist mit politischen und theaterrevolutionären Kalkülen.

Das "Genie" unter den Grazer Dichtern hat Peter Handke in seinem Adieu den Freund genannt. Der steirische Nesthocker Wolfi wollte jedoch in späten Spielen mit der Wirklichkeit im eigenen Kopf das Image vom popkulturellen Berserker korrigieren in Richtung Welterklärung, Sinnstiftung.

Falsches Pathos trotz wahrer Sehnsucht: Schüsse ins eigene Herz. Bauer ist 2005 am kaputten Herzen gestorben.