Diabolische Flugübungen im Linzer Luftraum: "Die Hexen von Eastwick" als Musical. - © Armin Bardel
Diabolische Flugübungen im Linzer Luftraum: "Die Hexen von Eastwick" als Musical. - © Armin Bardel

Linz. "So viele Flatscreens habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Aber neben all dem Luxus ist das neue Haus vor allem groß", sagt Matthias Davids. Am Donnerstag wird das neue Musiktheater am Volksgarten eröffnet und künftig auch Heimat der neuen Musicalsparte des Landestheaters sein. Mit "Die Hexen von Eastwick" stellt sich das Musicalteam um Matthias Davids, Regisseur und Leiter der neuen Sparte, am Samstag vor.

Künftig sind bis zu sechs Musicals pro Spielzeit geplant, ein siebenköpfiges fixes Musicalensemble wurde aus 750 Bewerbern gecastet. Regisseur Davids ist begeistert von einer solchen "Ausnahmesituation" am Musicalsektor, gilt doch an Stadttheatern das Musical üblicherweise als "Cashcow" mit Erfolgsgarantie. Eine Musicalproduktion pro Saison sollte eine anspruchsvolle Oper mitfinanzieren und sich natürlich auch selbst finanziell tragen. "Das ist Wahnsinn, Musical wurde bisher ausschließlich dafür benützt." In Linz soll das Musical nun aber repertoirefähig werden: "Ich möchte zeigen, dass es sehr viele Arten von Musical gibt, nicht nur ‚Cats‘ und ‚Phantom der Oper‘. Das Genre hat ein so viel breiteres Spektrum."

"Nicht klonartig einkaufen"

Der Spielplan für die laufende und die kommende Saison sei entsprechend ambitioniert: "Der Otto-Normalverbraucher kennt von unseren ersten sechs Stücken vielleicht gerade ‚Showboat‘ von Oscar Hammerstein. Wir wollen zeigen, dass sehr gute Stücke warten, die nicht unbedingt jeder kennt", sagt Dramaturg Arne Beeker, der ebenfalls Teil des neuen Musicalteams ist. "Viele haben erwartet, dass hier jetzt ‚Cats‘ oder ‚Elisabeth‘ aufgeführt wird, das war die Angst, aber auch die Hoffnung vieler Leute", erklärt Beeker. "Es hieß: ‚Um Gottes willen, die wollen ambitioniertes Musical machen.‘ Aber weder will ich vier Mal im Jahr experimentelles Musical machen noch sage ich, dass es keine Klassiker von Gershwin oder Hammerstein geben wird", sagt Davids.

Selbst das "Phantom der Oper" sei möglich, wenn einmal die Rechte frei für eine eigene Interpretation seien. "Was ich als kommerziell empfinde, ist, Stücke klonartig einzukaufen. Wir werden sicher nie ein Stück machen, das in London oder New York in der gleichen Inszenierung lief."

Davids, 1962 in Münster geboren, gilt als Spezialist für Ur- und Erstaufführungen und inszenierte bereits mehrfach am Linzer Landestheater. Der studierte Musikwissenschafter war zunächst Musicaldarsteller und wandte sich dann der Regie zu. "Es ist diese Kombination aus Körperlichkeit, Musik und Sprache, die ich am Musical mag. Musical ist so ein kompliziertes Konstrukt, das törnt mich an." Den vielgehörten Vorwurf, Musical sei seicht oder kommerziell, hält er für ein dummes Klischee. "Oper ist auch eine kommerzielle Unterhaltungsform. Barockopern waren genau wie Musicals heute, sie wurden so lange gespielt, bis keiner mehr reinging. Auch ‚La bohème‘ wäre heute ein Musical."

1000 Plätze sind zu füllen

Davids möchte vermitteln, dass es auch anspruchsvolle Stücke auf dem Musicalsektor gibt. "Es geht mir nicht so sehr um Ohrwürmer, sondern um Geschichten. Die Leute müssen auch darauf gefasst sein, dass Musical nicht immer bedeutet, dass die bunten Lichter angehen." Die Showmusicals der 80er Jahre läuteten das Imageproblem der Gattung ein, meint Davids. "Musicals wie ‚Cats‘ oder ‚Phantom der Oper‘ waren so etwas Neues, techniklastig mit besonderen Effekten." Damals sei eine Schere entstanden zwischen den Stadttheatern, die ‚Kiss me Kate‘ spielten, und den aufwendig showlastigen Musicals, für die extra Theaterhäuser gebaut wurden. "Plötzlich hieß es, nur das ist Musical." Die großen Musicalhäuser erlebten einen Boom, später ist der Markt kollabiert, viele Theater in Deutschland stehen mittlerweile leer.

Musical törnt ihn an: Matthias Davids. - © Reinhard Winkler
Musical törnt ihn an: Matthias Davids. - © Reinhard Winkler

In Linz sind die ersten Vorstellungen von "Hexen von Eastwick" ausverkauft, das Interesse am neuen Haus und der neuen Sparte ist groß. Bereitet Davids das Füllen der 1000 Sitzplätze im Musiktheater Kopfzerbrechen? "Das ist definitiv ein Riesenthema. Wir wissen alle, dass man im alten Haus an der Promenade nicht immer Schlange stehen musste um Tickets. Aber das kann man nur lösen, wenn man hartnäckig auf Qualität schaut." Der Spagat zwischen Anspruch und Zahlen wird die Herausforderung für die neue Musicalsparte. "Viele Intendanten rufen beim Vorschlag eines Musicals von Steven Sondheim gleich ‚Kassengift, Kassengift!‘. Ich habe andere Erfahrungen gemacht, man muss sich nur trauen."