Kevin Rittbergers im Wiener Schauspielhaus uraufgeführte politische Burleske "Plebs Coriolan" weckt falsche Erwartungen. Die "Plebs" meint nicht das mit Brot und Spielen umworbene römische Stimmvieh, "Coriolan" ist kein tragischer Titelheld, der als Aristokrat gegen sein Blut (Shakespeare) oder gegen Volkstribune (Brecht) kämpft. Aristokratisch gibt sich hier die "Dame des Hauses" im spärlich möblierten Bühnensalon. Doch total à la mode überspannt. Sogar ihre Laufschuhe nennt sie "vegan". Ihre Putzerin ist eine moldawische Wissenschaftlerin in deutscher Fron, deren Helfer ebenfalls Migrant. Beide Domestiken setzen die lange Reihe aufmüpfiger Hausgeister von Goldoni und Beaumarchais bis Dari Fó fort. Ihre Szenen sind die schönsten.

Warum heißt die Herrin (strahlend Myriam Schröder) den Hausprolo "Signor Gordillo"? Google sei Dank:  Elba Esther Gordillo, mexikanische Gewerkschafterin, wurde im Februar verhaftet, weil sie 150 Millionen Euro unterschlagen hat. Das Dienerpaar (Barbara Horvath, Steffen Höld) plündert mit zwei graswurzelbewegten Rotkohlbauern (Hanna Eichel, Gideon Maoz) die Patronin aus. Angeblich war es ein Einbrecher, den sie überrascht haben und der sie verletzte. Aber die Wunden haben sie einander selber zugefügt. Ein beim ersten Hinsehen pathetisches Sinnbild: Die Umverteilung von Eigentum – Rittbergers nennt sie altertümelnd "Aushegen" – verlangt Schmerz und Blut. Doch die vier Ausheger machen kein Hehl daraus, dass nur Theaterblut fließt.

Der 35-jährige deutsche Regisseur schöpft wie kein anderer aus der neuen Erfolgsgeneration aus dem Fundus klassischer und aktueller Politologie, Soziologie, Kapitalismuskritik. Sein Leitstern: Alexander Kluge, der seit vierzig Jahren vierhändig Kunst und Theorie bedient. Rittberger will der Kopflastigkeit in seinem monologreichen Lehrstück gegensteuern mit komischer Übertreibung, Ironie, Blödelei. Doch Jammer, Kränkung, Wut aller bei der Verteilung ("Einhegung") der Güter der Welt Zukurzgekommenen bleiben als düstere Folie hinter seinen intellektuellen Purzelbäumen fühlbar.

Schiller bot den zu kurz gekommenen Poeten (im Gedicht "Die Teilung der Welt") als Äquivalent einen Platz im Himmel. Die Ausheger holen sich ihr Teil selber. Ohne Widerstand der Hausherrin. Ja sie drängt ihnen Laptop und Schmuck geradezu auf. Die gemalten Großformate an der Wand in mauergrauem Monochrom tragen die Selbsthelfer fort, ohne dass die Fehlstellen sonderlich auffallen. Eine witzige Sottise gegen öde Abstraktion – vor der die zickige Hausfrau im Seiden-Kimono (Ausstattung: Janina Brinkmann) und ihr Freund in heiligem Staunen versinken. Dieser Hausfreund (Thiemo Strutzenberger) verteidigt die bestehende Ordnung – und kontrolliert mit einem mobilen Enzephalographen auch seine eigene im Kopf.

Gegen Ende der 110 pausenlosen Minuten kehrt sich viel doppelt ironisch Verdrehtes nochmals um. Die Ausheger erschossen, aber nicht wirklich. Der bürgerliche Mann nimmt sich mit einer lautlosen Pistole aus dem Spiel. Das sensationell harmonierende Schauspielhausensemble entledigt sich der überkalkulierten Wortlast zuletzt mit leerem Schönsprech. Im Schlussbild leben wieder alle. Also keine Angst vor nichtdeutschem Hauspersonal oder umstürzlerischem Plebejer-Potenzial!