Erschnüffelt Delikates: Herr Menschenfresser (Andreas Hörl) mit seiner ergrimmten Gattin (Simina Ivan). - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Erschnüffelt Delikates: Herr Menschenfresser (Andreas Hörl) mit seiner ergrimmten Gattin (Simina Ivan). - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

"Schnufti, schnufti: Kinderfleisch liegt in der Lufti!" Der Mann, der solches spricht, hat nicht nur einen gewaltigen Gusto, er sieht auch entsprechend furchtbar aus: Dunkelglänzendes Sakko, viel Rot am Körper, und überhaupt diese Maske im Gesicht, die an eine gewisse Filmfigur namens Z ("Pulp Fiction") erinnert. Wer weiß: Würde dieser Herr Menschenfresser seinen Geruchssinn nicht auf der Bühne der Wiener Staatsoper vor jungem Publikum beweisen, sondern im engen Kinderzelt am Dach - das Wehgeschrei wäre womöglich ein großes gewesen, groß wie bei den Albtraum-Gestalten des "Traumfresserchens", die schon durchs Zelt gespukt sind. In weiter Distanz platziert, blieben dem Premierenpublikum am Sonntag solche Angstzustände erspart.

Wiewohl sich das als Vorteil verbuchen lässt, hatte der Erlebnis-Abstand von Hans Werner Henzes "Pollicino" aber auch einen gewaltigen Haken - in puncto Textdeutlichkeit. Zwar verstand man dank dem prägnanten Bass von Andreas Hörl auch noch, dass der gefräßige Tunichtgut sein Kinderfleisch am liebsten mit Kartoffeln und Ketchup schmaust und dass die ins Auge gefassten Freilandkinder deshalb in ihre missliche Lage gerieten, weil sie von verarmten Eltern im Wald freigesetzt worden waren. Wie sich die Märchengeschehnisse in dieser Adaption des "Kleinen Däumlings" weiterentwickeln, war dann aber auch für Luchsohren nicht so ganz klar. Ein Problem, an dem sich freilich noch arbeiten ließe: Würde Dirigent Gerrit Prießnitz mit dem an sich imposanten Orchester des Musikgymnasiums Neustiftgasse ein wenig vom Lautstärke-Pedal steigen (auch dann, wenn aus dem Graben nur ein vermeintlich schlanker Xylophon-Sound leuchtet), wären auch die bereits vorverstärkten Kinderstimmen besser zu verstehen.

Und damit wäre das Henze-Glück eigentlich schon komplett: Die Ausstattung ist hier instruktiv (das enge Elternhaus) bis schnuckelig (Rokoko-Kostüme der Tiere) geraten; und Henzes Musik, 1980 uraufgeführt, garantiert nicht nur deshalb Kurzweil, weil sie auf 60 Minuten gekürzt wurde. Die eigenwillige Orchesterbesetzung bürgt vor allem für rhythmische Schlagkraft, gewinnt aber auch durch eine verschwommene Tonalität. Mag aus dem Orchester auch so manche Dissonanz schillern, mag dort auch eine Alban-Berg-Gedächtnisgeige wilde Blüten treiben: Der schlichte Tonfall der Gesangslinien suggeriert eine Allianz aus Italianità und Kinderlied, vor allem im markanten Schlusslied. Das Ensemble, angeführt vom jungen Mattheus Sinko (Pollicino), hat nicht nur das blendend gesungen - viel Beifall.