Der Intendant der Vlaamse Opera kommt ganz in Weiß an diesem Abend. Aviel Cahns Anzug blieb allerdings unversehrt, während die oft ebenfalls schneeweißen Bekleidungsstücke der Akteure arg leiden mussten. Dies lag vor allem an diversen Körperflüssigkeiten, denen Stoffe wie Menschen ausgesetzt waren. Belgiens Theaterkrawallo Jan Fabre hat wieder zugeschlagen und bietet in seiner über dreistündigen Performance "Tragedy of a Friendship" einen wüsten, wütenden Mix aus grellen Bildern, mit viel Gewalt und Sex und nur wenigen ruhigen Momenten. Inhaltlich geht es vorgeblich um Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und ihre (letztlich gescheiterte) Freundschaft - Nietzsche entwickelte sich ja vom fanatischen Adepten zum radikalen Gegner des Gesamtkunstwerkers.

Librettist Stefan Hertmans recherchierte und assoziierte zwar reichlich zu diesem Thema, doch Jan Fabres bewusst anti-narrative Haltung lässt nur Handlungs-Glutkerne entstehen, die eher vage mit den Protagonisten beziehungsweise Antagonisten zu tun haben. Immerhin lassen sich Wagner und Nietzsche gelegentlich zu gemeinsamen Taten verleiten, gemeinschaftlich wird vergewaltigt oder in Bergsteigermontur auf ebener Bühne gerobbt.

Eigenwillige Chronologie der Wagner-Opern


Ebendort stechen vor allem zwei transparente, bauchige Röhren ins Auge, in denen viel geturnt wird, die aber auch als Projektionsfläche für Filme dienen. Irgendwie erinnern sie an gefüllte Kondome, adäquaterweise sieht man dort einmal Video-Spermien herumirren.

Fabre und Hertmans gehen auf eigenwillige Weise chronologisch vor, bei Wagners frühen "Feen" beginnt die Reise und sie endet beim "Parsifal". Jeder Wagneroper geben die Macher einen hübschen Untertitel mit auf den Weg, Rienzi ist zum Beispiel "Held und Terrorist", im Rheingold gibt es ein "Drachenlied" und Parsifal steht statt für Erlösung für den "Tod der Musik".

Letztere ist freilich höchst lebendig, Moritz Eggert schrieb nämlich einen fulminanten Soundtrack, der zwischen filmisch ausgreifenden Passagen und intimen, klaustrophoben Klangräumen auch Wagner’sche Themen aufgreift, allerdings in Form von sehr freien Bearbeitungen und wie improvisiert wirkenden Variationen. Besonders schön ist das umfangreich eingesetzte Theremin. Daneben gibt es intelligente Anspielungen auf Mahler, Spätromantik und eine vermutlich höchst ernst gemeinte Verballhornisierung neuester Töne, wie sie in Donaueschingen, Witten oder bei Wien Modern zu hören sind. Die Musik kommt vom Band, das flämische Opernorchester hat ganze (Aufnahme-)Arbeit geleistet. Neben Theremin sind als quasi solistische Instrumente Harmonium und Cello zu hören.

Die Masse der Folterszenen nützt sich ab


Das Publikum nahm Fabres Bilderreigen verhalten-freundlich auf, allerdings gab es immer wieder Fluchtbewegungen, beispielsweise bei der minutenlangen Sexualfolter einer splitternackten jungen Frau, die anschließend skalpiert wird und ihr eigenes Fleisch verspeisen muss. Nach einiger Zeit nutzen sich Fabres Stilmittel ab und man wettet, welcher BH sich wohl als Nächstes löst, welches Höschen fällt und ob tatsächlich das riesige Schwert der nackten Dame links vorne zwischen die Beine fährt (tut es tatsächlich).

In den besten Momenten dieser Uraufführung entsteht intensives Überwältigungstheater, das der (damaligen) Sprengkraft des Protagonistenduos auf eigenwillige Weise nahe kommt. Fabre legt da das den Personen und Werke zweifellos innewohnende Lust- und Gewaltpotenzial frei, Moritz Eggert findet dazu fast immer geeignete Töne. Im letzten Drittel des Abends herrscht leider eine große Lähmung. Fabre lässt Wagner nun vorwiegend a cappella singen, was ebenso banal wie enervierend wirkt.

In Antwerpen läuft "Tragedy of a Friendship" übrigens im regulären Opernabonnement! Nach sieben Aufführungen tourt die Produktion dann eifrig herum, vielleicht arbeitet Fabre ja an der einen oder anderen Stelle noch mal nach und kürzt manch Redundantes - es würde sich lohnen.