Auf dem Weg ins Unglück: Annika Borde (Flora), Sandra Cervik (Elfriede Weber). - © Sepp Gallauer
Auf dem Weg ins Unglück: Annika Borde (Flora), Sandra Cervik (Elfriede Weber). - © Sepp Gallauer

In Peter Turrinis Facts-und-Fiction-Durcheinander "Aus Liebe" versucht ein weißbärtiger "Lieber Gott" als Urheber der Schöpfungsgeschichte bedankt zu werden. Vergebens, denn Krisensorgen beuteln die Wienerstadt. Im Baumarkt an der Brünnerstraße, der dem Sammler moderner Kunst gehört, ist der Kundenberater zum billigen Regalbetreuer hinabgestuft. Im Wachzimmer Josefstadt fürchten Polizisten, durch Postler ersetzt zu werden. Am Gürtel verdrängen "Osthuren" die einheimischen Steherinnen. Einer Sozialhilfeempfängerin hat das Jugendamt die drei Kinder weggenommen. Eine Witwe wird zum Polizeifall, weil sie in der Aida wildfremden Herrn Torte von den Tellern stibitzt - "aus Liebe". Der Krisen-Super-GAU beginnt in Döbling mit einem Familienfrühstück. Am Abend erschlägt Papi Frau und Töchterlein mit der Axt. "Aus Liebe". Hinter dem vierzigjährigen Parlamentsmitarbeiter ist der 2008 zu lebenslanger Haft verurteile "Hackenmörder" Reinhard S. zu erkennen.

Der Premiere gingen langwierige Debatten über den Text zwischen dem Autor und dem Theater voraus. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger bewies eine starke Regiehand: Die Kleinkunst-Szenenfolge im Ablauf eines einzigen Tages von sechs in der Früh bis Mitternacht funktioniert in mathematischer Präzision.

Turrini bringt Kleineleute-Realität mit satirischen Lichtern zur Sprache. Wiener Typen, eineinhalb Stunden an der Bühnenhinterwand aufgereiht und richtig kostümiert von Elke Tscheliesnig, treten wie die holzgeschnitzten Figuren aus einem Wetterhäuschen an die Rampe und sagen ihre Rollenprosa auf: der herzige Kurt Sobotka mit dem Rauschebärtchen und seinen tapsigen Tanzschritten, der hilfreich-korrekte Polizist Heribert Sasse, der Polizeirambo in Zivil Martin Zauner, die vornehme Marianne Nentwich im Café, die wabbelig-lustvolle Susanna Wiegand vom Strich und Axtverkäufer Oliver Huether. Siegfried Walthers Sandler-Maskerade stürzt zur Klamotte ab, Raphaela Möst plärrt zu leer als Sozialfall, der von einer Medienkarriere träumt.

Rätselhafte Liebe


Ein in den Polizeidienst aufgenommener Migrant aus dem Orient (Ljubia Lupo Grujčić), der einzige Erfolgreiche im 18-Personen-Panoptikum, steigert sich auf Ernst-Jandl-Niveau in einem Sprechgesang aus Schweinigl-Sprichwörtern. Geglückte Integration, hyperrealistisch verzerrt! Doch in mythischen Nebeln verschleiert Turrini das Wiener Familiendrama, den Zündfunken dieses jüngsten Stücks. Abgehoben in fast stummen Bedeutungsdienst das tragische Paar Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik. Und vollends rätselhaft die Schlussszene in der Zelle des Doppelmörders: Dort erscheint die mediengeile Unterschichtmutter und wird auf ihre Bitte hin ("aus Liebe") mit ihrer Strumpfhose totgewürgt.

Die Opposition zwischen der Sehnsucht nach wahnhaft reiner Liebe (dazu gehört auch die Liebe Gottes) und bekenntnishaft schmierigem Sex durchzieht Turrinis Dramatik, Prosa, Lyrik. Sein großes Thema. Und seine Fessel, für die er Beschädigungen im katholischen Milieu seiner Kindheit verantwortlich macht. Diesmal geht er mit dem Lieben Gott versöhnlich, mitleidvoll um. Der somnambule Alte müht sich erfolglos, der toten Siebenjährigen neuen Odem einzuhauchen. Auf der Skala sadistischer Sexphantasien erreicht Turrini den Tiefpunkt mit dem Dynamitstangentod, den der Krimineser einer "Grünpolitikerin, die immer mehr Ausländer ins Land holen will" wünscht. Blamabel für das Premierenpublikum: An keiner Stelle lachte es so schenkelklopfend laut.

Denken Zuschauer bisweilen an Horváth oder Molnár, irren sie nicht. Im Programmheft wird ein Bezug zu Robert Musils Hurenmörder Moosbrugger im "Mann ohne Eigenschaften" hergestellt. Beim ersten Hinsehen ein Kurzschluss, denn Musil macht ein verqueres Nervennetz transparent - während sich Turrini in einen sentimentalen Liebes-Mythos verkriecht, der dort anfängt, wo Aufklärung verweigert wird. Doch ist Musils Moosbrugger (ebenso ein historischer Fall) auch als Doppelgänger-Motiv zu deuten: Als Lustangst des Dichters vor dem Frauenmörder in sich selbst.