Die Wildente hat einen weiten Weg zurückgelegt. - © Festwochen
Die Wildente hat einen weiten Weg zurückgelegt. - © Festwochen

Eine Ente ist das Erste, was man sieht. Eine elegante, langhalsige Ente, mittel-aufgeregt flatternd. Dann ist es wieder finster. Und danach merkt man bald, dass diese "Wildente" einen weiten Weg von Ibsens Nest zurückgelegt hat. Spätestens, wenn Haakon Werle sagt, er wisse, dass er erblinde, weil er einen "fucking schwarzen Punkt in seinem Sichtfeld" hat.

Der australische Regisseur Simon Stone, gerade einmal 28 Jahre alt, zeigt bei den Festwochen seine Version des berühmten Dramas. Dabei ist von Ibsens Stück gleichermaßen wenig und viel übrig geblieben.

Der Text ist völlig neu, die Geschichte hält sich nur im Kern an die Vorlage, spielt in unserer Gegenwart: Sohn Gregers kehrt zur Hochzeit seines Vaters Haakon zurück, den Vater hasst er, seit seine Mutter sich wegen ihm und seinen Affären umgebracht hat. Er trifft auf Hjalmar, Sohn eines alten Geschäftspartners seines Vaters, der wegen dubiosen Aktionen im Gefängnis war. Schnell hat Gregers den Verdacht, dass sein Vater auch der Vater von Hjalmars Tochter Hedvig ist. Und er teilt Hjalmar das mit - die bisher recht-schlecht liebevolle, glückliche Familie zerbröselt und Hedvig erschießt sich.

Die Inszenierung eilt im Zeitraffer durch diesen Familienkrimi. Die Schauspieler agieren - mit nonchalanter Ernsthaftigkeit - in einem Glaskasten, vom Publikum getrennt. Auf einer Anzeige erscheint - wie im Kinothriller über wahre Verbrechen - Tag und Uhrzeit des Geschehens jeder Szene. Erst werden diese Szenen von nervösen Bach-Streichern und totaler Dunkelheit verbunden. Wenn die Bombe platzt, werden die Streicher von verstörenden Bässen ersetzt und die Bühne bleibt immer hell - eine Operation am offenen Familienherz.

Der Nukleus von Ibsens Drama ist erhalten, er ist effektvoll, aber nicht effekthascherisch ins Heute geholt. Die Familie, sie ist nach wie vor das stärkste und gleichzeitig gefährdetste Element der Gesellschaft. Letztlich hat man einen Ibsen gesehen, wenn einem Sätze wie jener im Gedächtnis bleiben: "Die Liebe ist fürchterlich. Aber besser wird’s nicht."

The Wild Duck

Wiener Festwochen

Halle G im MQ, Wh: 21.Mai