Spitalsalltag und Katastrophe: Thomas (Otto Katzameier) verliert seinen Lebenspartner . - © SWR/Runkel
Spitalsalltag und Katastrophe: Thomas (Otto Katzameier) verliert seinen Lebenspartner . - © SWR/Runkel

Im Schwetzinger Rokokotheater beginnt es diesmal schon mit dem Ende - und zwar von Matthias. Er liegt in einem Krankenhausbett, einige Apparate stehen rundherum. Man hört schweres Atmen auf das Sterben hin. Ein Pfleger ist da; Thomas, der Freund von Matthias, tritt hinzu. Dass es ein schwules Paar ist, spielt keine Rolle. Nicht einmal für die offensichtlich katholischen Schwestern, die später den Toten waschen werden. Matthias stirbt. Für das Ärzteteam um Dr. Dürer und seinen Assistenten Dominik ist es der Abschluss einer ordnungsgemäß zu protokollierenden Krankengeschichte. Für die eifrige Frau Fink vom Bestattungsinstitut ein geschäftlicher Vorgang. Und für Thomas die persönliche Katastrophe, die der Tod eines geliebten Menschen nun einmal ist.

Was wir sehen und hören, ist der Versuch eines Menschen, Sprachlosigkeit in Worte zu fassen - eines Menschen, dem der Trost des Jenseits verschlossen bleibt. Aus dem Takt kommt das Ganze, als Frau Finks Versuch, ihren Kunden zu trösten, zu handfest und zudringlich gerät. Nachdem Thomas sie rausgeschmissen hat, beginnt der Tote plötzlich mit ihm zu reden. Beim gemeinsamen Schlürfen einer Suppe und dem Schwelgen der beiden in Erinnerungen werden wir aus diesem Opernkrankenzimmer wieder entlassen. Es ist ein Raum ohne viel Firlefanz und mit hoher Wiedererkennbarkeit, der sich hinter der Jalousie in einen Spitalskorridor verlängert.

Die Latte selbst hoch gelegt


"Thomas", die neue Oper des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas, verstört (oder versucht es zumindest), weil sie die Zuschauer mit einem so unausweichlichen wie verdrängten Teil des eigenen Lebens konfrontiert. Die komponierte Sprachlosigkeit jedoch behauptet eine höhere Ebene des Ein- und Mitfühlens, die sie ebenso wenig einlöst, wie es die Banalität des Textes des Tiroler Dramatikers Händl Klaus vermag: Indem Floskeln in eine Libretto-Form gebracht werden und als Ping-Pong-Monolog mit verteilten Rollen stotternd daherkommen, werden sie nicht automatisch zu Opernliteratur.

Die Musik ist eine eigenartige Melange aus Cembalo, Harfe, Akkordeon, Zither, Mandoline und Gitarre, abgerundet mit etwas Schlagwerk. Die Stimmen schweben in ausdauerndem, oft kurzatmigem Parlando über dem Sound und behalten durchwegs die Oberhand. Neben der "Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes"-These (à la Salome) bleibt das Ganze aber auch musikalisch nur eine Art Anti-Tristan-Behauptung. Zur neuen Grenzerfahrung fehlen diesem Stück das Format und der Tiefgang. Immerhin: Das Duo Georg Friedrich Haas und Händl Klaus scheitert am eigenen Maßstab. Vor zwei Jahren hatten die beiden in Schwetzingen mit ihrem Opernthriller "Bluthaus" die Latte ziemlich hoch gelegt.

Leicht wogender Klang


Gegen die Umsetzung des Festspielauftrages freilich ist nichts zu sagen. Das gilt für die angemessene Personenregie von Elisabeth Gabriel, die Ausstattung von Vinzenz Gertler und die dezent ergänzenden Videos. Es gilt aber vor allem für Otto Katzameier, der sich mit Leidenschaft und stimmlicher Virtuosität die Schmerzenspartie des Thomas anverwandelt - und den Tod nicht glauben will. Im Wechselspiel mit dem Counter Kai Wessel blitzt denn auch auf, dass dessen Name, Michael, ebenfalls biblischen Ursprungs ist und damit auf eine andere Dimension verweisen könnte.

Der zweite Counter Daniel Gloger kann nur einen Teil seiner schrillen, fast kreischenden Stimme für die leichte Überzeichnung Dr. Dürers, den geschäftigen Mediziner, nutzen. Sarah Wegener wirft sich mit bewährter Vehemenz in die Rolle der Bestatterin und auf Thomas. Michel Galante vermag überzeugend die Instrumentalisten im Graben zu dem eigenartig leicht wogenden Orchesterklang zu animieren.