• vom 06.06.2013, 16:26 Uhr

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Update: 07.05.2014, 16:47 Uhr

Nachlese 2013

Frauen- oder Pfauenschrei?




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Von Hans Haider

  • "Die schwarze Botin": Festwochen-Rückblick auf den Feminismus

Redaktionssitzung mit Doris Arztmann (l.), Silke Graf.

Redaktionssitzung mit Doris Arztmann (l.), Silke Graf.© Wagner-Strauss Redaktionssitzung mit Doris Arztmann (l.), Silke Graf.© Wagner-Strauss

Selbstmusealisierung? 1987 stellte die Zeitschrift "Die Schwarze Botin" (Westberlin-Wien-Paris) nach elf Jahren und 33 Nummern feministischen Frontdiensts ihr Erscheinen ein. Die Wiener Festwochen holten nun gut ein Dutzend Mitschreiberinnen von damals zu öffentlichen Redaktionssitzungen. Die allerletzte Nummer und ein vorzeigbares Abendprogramm waren die Zielvorgaben. Eine Derniere wurde zur Premiere im Schauspielhaus mit Künstlerinnen aus deren Heldinnenzeitalter - voran Ginka Steinwachs, dem auch heute die deutsche Literaturszene überstrahlenden Paradiesvogel.

Information

Theater

Die Schwarze Botin - remastered and remistressed 2013

Barbara Ehnes (Idee und Gestaltung)
Schauspielhaus/Festwochen

Wh.: 7. und 8. Juni


Mit männlicher Sprache - und deren Kriegsmetaphorik - darf man rekognoszieren: Die Schwarzen Botinnen, manche damals marxistisch organisiert, unterliefen mit poetisch-sprachwissenschaftlichem Rüstzeug den von politischen Journalistinnen wie Alice Schwarzer munitionierten Agitationsfeminismus ("Der Bauch gehört mir"). Österreichische Dichterinnen aus den Generationen von Artmann bis Handke und Jonke lebten in Berlin oder schickten Texte dorthin:die"dreiElfrieden" (Gerstl, Jelinek, Czurda), Heidi Pataki, Neda Bei (als "Poldi Finzenberger" eine aggressive Bloggerin), Liesl Ujvary, Claudia Mazanek, Evelyn Holloway, Katharina Riese. Heidi Pataki und Elfriede Gerstl sind schon tot. Ihre Texte nicht.

Mit surrealem Spiel
Dass sich in der Sprache Herrschaftsstrukturen abbilden, wusste in der 68er-Generation bald jede/r. Die Botinnen überholten sie mit anarchischem Witz, Musikalität, surrealem Spiel. Und wagten sich, voran Jelinek, in die Sprachmechanik tiefer vor als die Kathederkönige. Eine Erfolgsgeschichte der österreichischen Literatur, der man gerne Sprachbesessenheit nachsagt. Das Wiener Theaterpublikum sieht acht Frauen vor sich sitzen und synchron auf vier Bildschirmen Videointerviews wie in einer TV-Doku. Ginka Steinwachs mimt "ischWitz" und "ischFritz" live: "bei tage hört ischWitz nah und bei nacht sieht ischWitz fern". Diese Zungenbrecher-Performance trägt den Titel "lesben fliegen!" Das L-Thema wird konfliktfrei diskutiert. Uralte Frauenheilige wie Baubo (Kennzeichen: entblößte Vulva) sind angerufen und die hosentragende Künstlermuse George Sand. Mund und Vulva: "Spielorte". Wird die Debatte zu laut, bremst Liesl Ujvary vom Tonpult aus mit elektrischem Geschnarre.

Den phallischen Männerkompass im Kopf hat Elfriede Jelinek im Heft 29 (1985) verhohnepiepelt: "Hüten Sie sich, wenn Sie Phogerln noch so phressen sehn, in diesen phalen Sphären . . ." Doch lockt das Glied als Schmuck. Aus Ginka Steinwachs‘ Engelsgesicht kommt das Geständnis: "Einen goldenen Phallus würde ich mir schon schenken lassen." Warum Feministin? Diese Frage an sich selbst wurde mit divergierenden Gründen beantwortet: viele Brüder, gewalttätiger Vater, dominante Mutter, ja auch "Texte von Marlene Streeruwitz". "Lieber hegeln statt häkel", fordert Mona Winter im Programmheft, "Gute Macht" sagt dort Brigitte Classen, eine der Gründungsfrauen. Jelinek gesteht: "Mein Lachen hat aber nichts Surreales. Es ist das Erschrecken meiner Sprache vor sich selbst und ihr Versuch, selber von sich aus zu sprechen." Aber: "Die Sprache soll sich ihren Dreck gefälligst allein machen".

Einstige Rollenverhältnisse
Auf der Bühne sitzt die letzte "Botin"-Verlegerin, Marina Auder. Man diskutiert über die Qualität von sieben alten Texten heute. Der Gebrauchswert ist auf dem Gesinnungsbarometer ablesbar und provoziert die Bewahrer alten Rollenverständnisses heute weniger als damals. Was hat sich nicht alles geändert, gegendert? Begeistert wird der jüngste Beschluss der Uni Leipzig rapportiert, jedem Professor männlichen Geschlechts das "generische Femininum" umzuhängen. Er findet sich dann als Professorin (ohne feministisches I) im Personalverzeichnis.

Das von den Festwochen produzierte Heft 34 der "Schwarzen Botin" trägt den Doppeldeutungstitel "Le dernier cri". Manche Texte wurden überarbeitet, neue kamen hinzu.Einmodischaktueller Schrei und sein eigenes, um Jahrzehnte verzögertes Echo. Frauenschrei? Pfauenschrei? Hahnenschrei? In einem Museum, das ein Labor, eine Baustelle geblieben ist.




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Dokument erstellt am 2013-06-06 16:29:05
Letzte Änderung am 2014-05-07 16:47:56


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