Woher das Missverständnis von "Aida" als Monumental-Oper herrührt, ist nur noch schwer zu eruieren. Denn schließlich ist dieses intime Beziehungsdrama vierer Personen eigentlich ein Kammerspiel, das nicht zufälligerweise einstmals auch auf der nicht gerade großen Bühne des Theaters in der Josefstadt Platz gefunden hat. Ebenso unausrottbar ist der Mythos, dass "Aida" und die Arena von Verona quasi Synonyme füreinander seien. Dabei hat man dort in der Anfangszeit "Parsifal" oder die "Meistersinger" gegeben sowie (damals)zeitgenössischeWerkewie "Il piccolo Marat" von Mascagni.

Wie dem auch sei: Tatsache ist, dass die Veroneser Festspiele 1913 mit "Aida" eröffnet wurden, und insofern ist es nur logisch, dass sie das 100-Jahr-Jubiläum ihres Bestehens mit der ägyptischen Oper begehen. Um dennoch etwas Besonderes zu bieten, hat man sich der Dienste der katalanischen Ex-Avantgarde-Theatergruppe La Fura dels Baus bedient. Die wird ja immer dann gerufen, wenn Veranstalter verschiedenster Art (sei es Mercedes-Benz, die Kulturhauptstadt Europas Guimaraes oder das neue Linzer Musiktheater) in die Verlegenheit kommen, ein massentaugliches Event irgendwie mit einem Rest von künstlerischem Anspruch verbinden zu müssen.

Endlich Elefanten


Die Rest-Furas Carlus Pedrissa und Alex Ollé enttäuschten ihre Auftraggeber auch diesmal nicht: Auf durchaus intelligente Weise wussten sie mit den räumlichen Gegebenheiten der Arena und den Erwartungen des Publikums umzugehen und mit ihnen zu spielen. Die Schaulust wird auf alle Fälle voll bedient: Es gibt aufblasbare Sanddünen, die aus den Stiegenaufgängen hervorquellen, einen riesigen, von einem Kran baumelnden Mond, Horden von Albino-Krokodilen, mechanische Kamele und mechanische Elefanten, tanzende Flussgräser, viel echtes Wasser, ein Schiff mit Tempeljungfrauen und am Ende einen gigantischen Sonnenkollektor, der die unglücklich Liebenden unter sich begräbt. Da kann doch kein Zuschauer matschkern, dass er für sein nicht unbeträchtliches Eintrittsgeld zu wenig geboten bekommt.

Nun kann man einwenden, dass die anfangs eingeführte Rahmenhandlung, dass kolonialistische Archäologen ägyptische Kunstschätze ins British Museum verfrachten, nicht weiter verfolgt wird. Dass besonders der Triumphakt zwar entlang der Tradition, aber gegen den Musik-Rhythmus inszeniert wurde. Dass Skarabäus-Scooter, auf denen die Sieger hereindüsen, vielleicht doch eine überflüssige Erfindung waren. Dass die Kostüme (Chu Uroz) nahezu allesamt den Eindruck erweckten , als hätte man sie aus einem Ostblock-Las-Vegas ausgeliehen. Und vor allem, dass die Sänger, während hinter ihnen der futuristische Hokuspokus ablief, eisern und unbeirrt an die Rampe gingen, den Dirigenten anstarrten, ohne einander nur eines Blicks zu würdigen.

Unter ihnen stach ohne jeden Zweifel die Chinesin Hui He hervor, eine bewegende und lyrische Aida. Omer Meir Wellber, der, wie ihn manche nennen, schlechtkritisierte Dirigent unserer Zeit, konnte hier seinen Ruf auch nicht verbessern, da er trotz oder wegen heftigster Armbewegungen sehr häufig ins Schwimmen kam.

Alles in allem: trotzdem ein hochstehendes Spektakel, dessen Besuch niemand zu bereuen braucht. Alternativangebot: die von Gianfranco de Bosio nach Original-Skizzen und -Regiebüchern rekonstruierte Eröffnungsinszenierung von 1913 (ab August).