Anne Bennent als Dürrenmatts alte Dame. - © Roswitha Hecke
Anne Bennent als Dürrenmatts alte Dame. - © Roswitha Hecke

"Wiener Zeitung":Sie verkörpern in Friedrich Dürrenmatts Stück "Der Besuch der alten Dame" die Titelrolle, eine machtbewusste Frau.

Anne Bennent: Was Dürrenmatt in dieser vielschichtigen Figur bündelt, lässt sich gar nicht alles spielen. Claire Zachanassian ist gleichsam die erste mächtige Frauenfigur, die ich verkörpere. Sie lässt mich erahnen, wie die Mächtigen dieser Welt empfinden, wenn sie sich kraft ihres Vermögens über andere erheben, welche Gefahren darin liegen - aber auch welche Chancen und Freiheiten Geld eröffnen könnte.

Die steinreiche Dame verspricht der Stadt Güllen eine Milliarde, falls man den Mann ermordet, der sie einst schwängerte. Zu Beginn sträuben sich die Bewohner. Am Ende liegt der Mann erschlagen in einer Gasse, und sie stellt den Scheck aus. Lässt sich Gerechtigkeit kaufen?

Das ist die Kardinalfrage des Stücks - bei Dürrenmatt bewahrheitet es sich. Dabei wird einem bewusst, wie gefährlich es sein kann, mit Begriffen wie Gerechtigkeit zu hantieren, wie leicht diese missbräuchlich verwendet werden können. Es ist die Unbarmherzigkeit, die ihr in der Jugend widerfahren ist: der Liebesverrat, der Verlust des Kindes, der Ausschluss aus der Gemeinschaft. All das wirft sie nun überdimensioniert zurück. Der Motor ihrer Rache ist erfahrenes Leid, auch dies eine Menschheitserfahrung, seit alters her.

Dürrenmatts Stück entwirft auch ein Sittenbild: Die alte Dame hält der Kleinstadt einen Spiegel vor. Wofür steht Güllen?

Der Ortsname ist natürlich Metapher. Vielleicht meint der Autor die Gülle, in der wir alle stecken, die Scheiße, die in der Welt entsteht, wenn Menschen in Not und Abhängigkeit geraten und sich zu unmenschlichen Taten gezwungen sehen. Aber grundsätzlich ist der Ort im Stück eine Kleinstadt wie jede andere. Die Bewohner fallen nicht durch besondere Spießigkeit auf, sie verhalten sich ganz normal, ihre Probleme sind der Wirtschaftskrise geschuldet. Insofern spricht das Stück ein virulentes Thema an. Güllen könnte heute jede Stadt sein.

Noch in den 1990er Jahren spielten Sie große Rollen an Claus Peymanns Burgtheater. Wie sind Sie dem Haus abhanden gekommen?

Sicher hätte ich das Engagement auch unter Klaus Bachler aufrechterhalten können, aber das Grundgefühl zum Haus, der Puls war unterbrochen. Daher war es nur folgerichtig, dass die Geschichte mit dem Burgtheater ausgelaufen ist.

Wie treffen Sie Ihre künstlerischen Entscheidungen?

Ich fälle ungern Entscheidungen. Sie entstehen im Laufe eines Prozesses. Für die Zusage in Stockerau habe ich ganze zwei Monate gebraucht. Ich hegte großen Zweifel, es gab für mich viele unbekannte Faktoren, und schließlich sehe ich mich nicht unbedingt als Sommertheaterschauspielerin. Letztlich war das Stück ausschlaggebend und die Art, wie mir Regisseur Zeno Stanek begegnet ist. Er gehört zu jenen Theatermachern, die verehren können. Eine Eigenschaft, die am Theater selten geworden ist.

Haben Sie es je als Bürde empfunden, aus einer berühmten Schauspielerfamilie zu stammen?

Es ist immer beides, Glück und Bürde, wobei meine Dankbarkeit mit dem Alter gewachsen ist. Vor allem in der Jugend war es für mich schwer. Als Jugendlicher sind Eltern stets Belastung, man fühlt sich verpflichtet, etwas zu werden. Ich versuche daher, meinen eigenen Kindern nicht zuviel aufzuhalsen.