(irr) "Trägt die Sprache schon Gesang in sich, oder lebt der Ton erst getragen von ihr?" Was sich als zündender Funke für ein Symposion erweisen könnte, lässt Richard Strauss auf offener Bühne fragen. Mehr noch: "Capriccio", seine letzte, 1942 uraufgeführte Oper, hält dort auch fast so etwas wie ein Symposion ab. Nur mit unzeitgemäßen Figuren: Während draußen der Zweite Weltkrieg wütete, verstieg sich Strauss in ein Schlaraffenland voller Rokokoschöngeister. Dort entscheidet allein ästhetische Erwägung über Gedeih oder Verderb, obliegt es dem Ratschluss einer Gräfin, zwischen Musik und Poesie zu wählen - und damit auch zwischen zwei verliebten Künstlern, deren Inbrunst sich aber auch am Form-Inhalt-Problem oder der Gluck’schen Oper entzünden kann.

Ein Weltfluchtwerk? Gewiss. Doch so verständlich dies im Lichte von Strauss’ Konflikten mit dem NS-Regime ist: Ein heutiger, allein durch Anspielungen und Poeta-doctus-Witze nicht zu begeisternder Operngeher könnte auch urteilen, es hier mit einer an den Haaren herbeigezogenen und selbige spaltenden Handlung zu tun zu haben - und mit einer Partitur, die dieses Manko (abgesehen von der "Mondscheinmusik" von 1918) leider nicht wirklich wettmacht.

Die Staatsoper drängt nun wieder ins oberste Stockwerk des gediegenen Elfenbeinturms: In den Rokokokulissen von Marco Arturo Marelli sind, wie bei der Premiere 2008, große Namen zugange. Es wird aber nur Michael Schades weiterhin balsamischer Tenor dem Renommee ganz gerecht: Renée Fleming befeuert das Finale mit Glanz, leidet in tieferen Lagen aber an Stimmschwund, Bo Skovhus tönt gepresst, Kurt Rydl poltert. Gewinnend: Angelika Kirchschlager und Markus Eiche. Dennoch viel Beifall nach 160 (pausenlosen) Minuten, die Dirigent Christoph Eschenbach solide abwickelte.

Oper

Capriccio

Wiener Staatsoper (01/5131513)