• vom 26.06.2013, 15:21 Uhr

Bühne


Emmy Schörg

"Der Moment ist einfach futsch"




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Von Petra Paterno

  • Wiens einzige Stegreifbühne - die Tschauner-Bühne in Ottakring - hat die Sommersaison eröffnet
  • Emmy Schörg ist die Doyenne der Tschauner-Bühne. Ein Porträt.

Verfügt über Witz und Spontaneität: Die Schauspielerin Emmy Schörg ist die Doyenne der Tschauner-Bühne. Bereits seit den 50er Jahren ist die Komödiantin Garant für Szeneapplaus.

Verfügt über Witz und Spontaneität: Die Schauspielerin Emmy Schörg ist die Doyenne der Tschauner-Bühne. Bereits seit den 50er Jahren ist die Komödiantin Garant für Szeneapplaus.© Robert Newald Verfügt über Witz und Spontaneität: Die Schauspielerin Emmy Schörg ist die Doyenne der Tschauner-Bühne. Bereits seit den 50er Jahren ist die Komödiantin Garant für Szeneapplaus.© Robert Newald

Wien. Am Beginn von Emmy Schörgs Stegreif-Karriere stand ein traumatisches Erlebnis. Es muss in den 1950er Jahren gewesen sein, als die junge Schauspielerin für eine erkrankte Kollegin einsprang. Auf dem Spielplan der Ottakringer Freiluft-Stegreifbühne stand "Rumpelstilzchen" der Gebrüder Grimm. Was indes auf dem Podium - im freien Spiel kreativer Kräfte - geschah, hatte mit Schörgs Märchen-Vorstellungen wenig bis gar nichts zu tun. "Mir war zum Weinen zumute", erinnert sie sich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Damals habe ich mir geschworen, dass ich, auch bei noch so guter Bezahlung, nie wieder Stegreiftheater spielen werde."


Weltberühmt in Wien
Sie hat es dann nach fünfjähriger Stegreif-Bühnenabstinenz doch wieder gemacht - und Feuer gefangen. Mittlerweile ist die nur knapp 1,60 Meter große überaus elegante Akteurin mit dem weiß-gelockten Haupt die Grande Dame des Wiener Stegreifspiels. Auch wenn ihr der Hausarzt geraten hat, sich beim Spielen angesichts ihres vorgerückten Alters etwas zurückzunehmen, ist Reserviertheit von der energiegeladenen Komödiantin kaum zu erwarten.

Erste Bühnensporen hat sich die Wienerin im Wandertheater der Wiederaufbaujahre verdient, Engagements an diversen Wiener Bühnen sowie im Stadttheater St. Pölten folgten. "Ich habe alles gespielt", fasst die Mimin ihren illustren Berufsweg zusammen. In Wien avancierte die ausgebildete Soubrette und Schauspielerin mindestens zur Weltberühmtheit: Emmy Schörgs Auftritte als Stegreifspielerin werden bis heute regelmäßig mit Szenenapplaus bedacht, Lachsalven inklusive.

Kabarettist Gerold Rudle, von der aktuellen Leiterin der Tschauner-Bühne, Anita Zemlyak, engagiert, um dem Improvisationsspiel mit Hilfe von Workshops einen Kick zu verpassen, schwärmt von der Doyenne: "Emmy Schörg ist jene Tschauneristin, die ich immer am meisten bewundert habe. Schörg ist Stegreif. Sie ist in vielem ein Vorbild: Sie hört auf der Bühne genau zu, übergeht nichts und treibt die Geschichte voran. Emmy hat ein unendlich großes Herz. Sie liebt es, aufzutreten, sie flirtet regelrecht mit ihren Mitspielern, und sie verehrt ihr Publikum. All das spürt man mit jeder Faser, wenn sie auf der Bühne steht."

Emmy Schörg selbst kleidet ihre Tätigkeit auf der Bühne in einfache Worte, die von jahrzehntelanger Erfahrung mit der Spielform rühren. "Man muss flexibel und wortstark sein, über Mutterwitz und Spontaneität verfügen, auf die Mitspieler sowie auf das Publikum eingehen können." So definiert Schörg, die Altmeisterin des Spiels mit losen Handlungsabläufen und ohne fixe Textvorgaben, ihre Kunst. Das improvisierte Darstellen eröffne einem besondere Freiheiten, da man zugleich sein eigener Autor und Regisseur sei. Was beim Stegreif laut Schörg aber gar nicht funktioniert: "Einen Witz vom Vorabend wiederholen zu wollen. Der Moment ist einfach futsch." Und was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? "Wenn ich etwas spiele, dann bin ich das in diesem Moment voll und ganz."

Das Wiener Stegreifspiel blickt auf eine lange Tradition zurück. Um 1900 ist die Kunstform aus Varietévorführungen entstanden; Artisten, Zauberer und Imitatoren spielten zwischen den Auftritten Stegreif-Einakter ein. In der Zwischenkriegszeit erlebten die rund 20 Stegreifbühnen Wiens ihre Hochblüte; bis Ende der 1950er Jahre blieben sie wesentlicher Bestandteil urbaner Unterhaltungskultur. In die Freiluft-Vorstadtbühnen strömten Menschen, die sich die Eintrittspreise der großen Häuser nicht leisten konnten; hier kam das theaterinteressierte Volk in Kontakt mit den Stoffen der Weltliteratur, dargeboten wurden abgeschlankte Klassiker sowie Volksstücke, Märchen, Ritterstücke und Bauernkomödien.

Auf die Barrikaden!
Von den zahlreichen Spontantheaterorten - Emmy Schörg spielte auf allen! - konnte sich bis heute einzig die Tschauner-Bühne halten. Auch bei Tschauners wurden ernsthafte Vorlagen zunehmend vom Spielplan gestrichen; Krimi-Komödien und Boulevardstücke bestimmen den Spielplan. In der aktuellen Spielzeit hofft man mit dem "Tschauner reloaded" neue Zugkraft zu entfalten. Das Programm bietet Eigenproduktionen mit Musik, darunter die "Geierwally".

Für die Stegreif-Kunst geht Emmy Schörg, wenn es sein, muss bis heute auf die Barrikaden: "Die Anerkennung fehlt. Es heißt, wir machen kein richtiges Theater. Was so nicht stimmt. In unserem Spiel kann mehr Wahrheit liegen, weil alles im Augenblick geschieht."




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Dokument erstellt am 2013-06-26 15:26:05


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