Wien. Schon sein erster Schritt ins Leben war spektakulär: Seine Geburt im Transsibirien-Express am Weg nach Wladiwostok am 17. März 1938 schien auf ein besonderes Schicksal des Tataren hinzuweisen. Im Juni 1961 geriet Nurejew dann erstmals in die Schlagzeilen der Weltpresse: Als 23-jähriger Tänzer des Kirow-Balletts riskierte er während eines Gastspiels in Paris den Absprung: Er soll auf dem Flughafen Le Bourget über eine Barriere gesprungen sein und bat um politisches Asyl.

Von der großen britischen Ballerina Margot Fonteyn gefördert - sie galten als das klassische Traumtanzpaar der 60er Jahre trotz eines Altersunterschieds von fast 20 Jahren -, startete er eine unvergleichliche Weltkarriere als Tänzer, Choreograf, Schauspieler und später als Dirigent. Für Davide Dato, 22-jähriger Halbsolist des Wiener Staatsballetts, ist Nurejew "ein Vorbild, nicht nur als Tänzer, sondern weil er in so wenig Zeit so viel geschafft hat", erklärt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". In nur 54 Lebensjahren - der "Grandseigneur des Tanzes", der österreichischer Staatsbürger geworden war, starb am 6. Jänner 1993 an Aids - hinterließ er ein umfangreiches Tanzerbe. Ausschnitte aus diesem stehen am Samstag auf dem Programm der "Nurejew Gala" in der Wiener Staatsoper, die im Zeichen der 75. Wiederkehr des Geburtstags und des 20. Todestags des "größten Solotänzers der Geschichte" und des "Genies", so bezeichnete er sich selbst, steht.

Erbstück Choreografie

Zwei Jahrzehnte nach Nurejews Tod stellt sich nun die Frage, inwiefern er die heutige Tänzer-Generation prägt, wie sehr er im kollektiven Gedächtnis verankert geblieben ist. "Wir können leider nur wiedergeben, was wir gehört haben: Also, dass er diese herausragende Persönlichkeit besaß, auch technisch betrachtet. Was uns bis heute geblieben ist, sind natürlich seine Choreografien", so Dato. "Ja natürlich. Seine Stücke sind sein Erbe", sagt der heimische Nachwuchsstar Prisca Zeisel, die bereits mit 18 Jahren Halbsolisten ist. "Und seit Manuel Legris unser Ballettdirektor ist, stehen vermehrt Nurejew-Stücke auf dem Spielplan." Dem schließt sich auch Ensemble-Mitglied Natascha Mair an: "Alles, was es in Nurejew-Fassung gibt, machen wir auch in seiner Version." Das Erbe beinhaltet auch das, "was uns Manuel Legris weitergibt", so Zeisel. Der Ballettchef arbeitete selbst an der Pariser Oper mit dem Ausnahmekünstler, auch war es Nurejew, der den 20-jährigen Legris 1985 erstmals in "Raymonda" dem Wiener Publikum präsentierte. "Mit unserem Chef die Choreografien zu erarbeiten, ist wie an der Quelle zu zapfen", beschreibt Dato die Vorbereitungen zur Gala, deren Einstudierungen Legris übernommen hat. "Er kennt alle Details, weiß, was Nurejew damals wollte." Wichtig ist Zeisel vor allem die Idee, die hinter jedem Schritt, jeder Geste steckt: "Legris kennt die genaue Bedeutung noch, erinnert sich an Nurejews Korrekturen."

Nurejews Inszenierungen fordern den jungen Tänzern vieles ab: "Es ist extrem anspruchsvoll, denn es sind sehr viele Schritte in die Musik hineingepackt und wenig Zeit sie auszuführen", beschreibt Mair die Bewegungsabfolge. Seine Schrittfolgen sind auch für Dato "immer extrem kompliziert" und es sei üblich, dass ein Tänzer Schwierigkeiten hätte, eine Nurejew-Choreografie zu erlernen.

Goldenes Wissen

"Man darf dabei nicht vergessen, dass er sie auf seinen Körper choreografiert hat, also wie er sich am effektvollsten präsentiert", erklärt der junge Tänzer, "und alles immer rechts und links! Jeder Tänzer hat eine bevorzugte Seite, aber Nurejew war das egal."

Ferner sei laut Mair zu bedenken, dass "er klein und schnell war". Heutzutage habe sich die Physiognomie der Tänzer verändert, was es nicht leichter mache. "Die Zeit hat sich weiterentwickelt, und wir müssen mithalten. Alles wird schneller, präziser, detaillierter und wir auch. Wir sind ja nicht im letzten Jahrhundert stecken geblieben", ist sich Zeisel sicher.

Und wie würde man aus heutiger Sicht sein Tanzkönnen beschreiben? "Wenn man sich frühere Videos mit modernen Augen ansieht, dann sind sie technisch nicht so sauber, wie man heute arbeitet", meint Mair. In einem sind sich alle drei Nachwuchstalente einig: "Nurejew ist eine Inspiration für uns." Sie könnten sich glücklich schätzen, dass Legris ihr Chef sei, "denn die Weitergabe von Generation zu Generation wird sich über die Jahre verlieren. Was in 50 Jahren sein wird, weiß man nicht, denn dann gibt es niemanden mehr, der direkt mit Nurejew gearbeitet hat. Es ist Gold, was Legris uns jetzt lehrt."