• vom 28.06.2013, 14:00 Uhr

Bühne

Update: 28.06.2013, 14:28 Uhr

Miguel Herz-Kestranek

"Ich bin für die Schauspielerei verdorben"




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Von Christine Dobretsberger

  • Miguel Herz-Kestranek
  • Der Schauspieler über falsches Künstlergehabe, die mangelnde Qualität der meisten Fernsehfilme, seine Liebe zum jüdischen Witz und zum "Jüdeln".

"Theater ist Marathon, Film ist Hundertmeterlauf. Ich bin ein guter Sprinter, aber inzwischen fällt mir auch Theater recht leicht." - © Robert Wimmer

"Theater ist Marathon, Film ist Hundertmeterlauf. Ich bin ein guter Sprinter, aber inzwischen fällt mir auch Theater recht leicht." © Robert Wimmer

"Wiener Zeitung":Herr Herz-Kestranek, Sie haben der "Wiener Zeitung" Ihre Stimme für den Radio- und TV-Spot zur Verfügung gestellt. War dies schlicht ein kommerzieller Auftrag oder verbindet Sie darüber hinaus etwas mit der "Wiener Zeitung"?


Miguel Herz-Kestranek: Nein, ich arbeite für Geld. Vor 20 Jahren habe ich auch Werbung gesprochen und wurde dafür oft gescholten. Dabei waren es meist wenige Spots und so habe ich aufgehört, weil ich ohnehin wenig dabei verdient hatte.

Nun hat es sich aber wieder ergeben.

Ja, ich wurde gefragt, und da die "Wiener Zeitung" eine gute Zeitung ist, habe ich es gemacht.

Das ist eine gute Gelegenheit zu erfahren, wie lange es schlussendlich dauert, bis ein wenige Sekunden dauernder Werbespot aufgenommen ist?

Wenn man es kann, vielleicht eine Stunde, aber die eigentliche Arbeit dauert Jahrzehnte, nämlich: Können aufzubauen. Wenn man es nicht kann, dauert es Stunden und zuletzt wird wer anderer genommen. Es ist ein Können-Beruf wie Schauspielerei überhaupt, und können kann man nie genug.

Hier in Ihrer Wohnung im 8. Bezirk sieht man sich buchstäblich umringt von Büchern. Sie haben mittlerweile 13 Bücher veröffentlicht, zuletzt den Titel "Die Frau von Pollak oder Wie mein Vater jüdische Witze erzählte". Würden Sie sagen, dass es sich bei diesem Werk um eine Spurensuche in Ihre eigene Vergangenheit handelt oder ist es eher eine Spurensicherung von alten jüdischen sprachlichen Traditionen?

"Ich habe ja die Gnade der Frühverkalkung, das heißt, ich erinnere mich für Gage gerade noch an Texte, die ich gerade können muss, aber sonst an kaum etwas": Miguel Herz-Kestranek im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.

"Ich habe ja die Gnade der Frühverkalkung, das heißt, ich erinnere mich für Gage gerade noch an Texte, die ich gerade können muss, aber sonst an kaum etwas": Miguel Herz-Kestranek im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Robert Wimmer "Ich habe ja die Gnade der Frühverkalkung, das heißt, ich erinnere mich für Gage gerade noch an Texte, die ich gerade können muss, aber sonst an kaum etwas": Miguel Herz-Kestranek im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Robert Wimmer

Beides. Über kleine Notizen, die mein Vater hinterlassen hat, habe ich versucht, mich an all die Geschichten und Witze zu erinnern, die in meiner Familie erzählt wurden. Ich habe ja die Gnade der Frühverkalkung, das heißt, ich erinnere mich für Gage gerade noch an Texte, die ich gerade können muss, aber sonst an kaum etwas.

Anhand der stichwortartigen Aufzeichnungen Ihres Vaters wurde Ihr Erinnerungsvermögen somit wieder wachgerufen?

Teilweise. In meinen Büchern fließt oft Biographisches ein, auch Teilerfundenes, wenn es literarisch nützt. Insofern ist es eine erweiterte Spurensicherung. Es ging mir aber zuerst einmal darum, zu bewahren, was es in literarischer Form kaum mehr gibt. So habe ich aus sogenannten jüdischen Witzen kleine Geschichten gemacht. Die lassen sich zwar nicht so gut erzählen, aber umso schöner lesen. Man gleitet von einer Geschichte in die nächste und taucht dazu ein in Erinnerungen an meinen Vater und andere Familienmitglieder, an Erlebtes und Erlachtes.

Mitunter sind es auch längere Geschichten.

"Die PR in der Firma Europa wird fahr-lässigerweise vom Vorstand gemacht, und das kopflastig und abgehoben. So erreicht man aber nicht die Herzen von 500 Millionen!"

"Die PR in der Firma Europa wird fahr-lässigerweise vom Vorstand gemacht, und das kopflastig und abgehoben. So erreicht man aber nicht die Herzen von 500 Millionen!"© Robert Wimmer "Die PR in der Firma Europa wird fahr-lässigerweise vom Vorstand gemacht, und das kopflastig und abgehoben. So erreicht man aber nicht die Herzen von 500 Millionen!"© Robert Wimmer

Ja, solche, die nicht mit knalligen Pointen enden. So wie bei jüdischen Witzen überhaupt die Pointe immer mehr ist. Ich beginne mein Buch auch mit dem Satz: "Der jüdische Witz ist kein Witz", und schreibe später: "Jüdische Witze sind immer weise und wenn sie nicht weise sind, sind es keine jüdischen Witze, sondern nur Witze. So sagte es jedenfalls mein Vater und von ihm habe ich gelernt, jüdische Witze ernst zu nehmen."

Gibt es in Ihrem Sprachgebrauch noch jüdische Redewendungen, die Sie gebrauchen?

Jüdisch stimmt in diesem Zusammenhang nicht ganz. Mir ging es auch um ein bestimmtes Denken und vor allem ums Bewahren des sogenannten "Jüdelns". Eine Sprechvariante, eine Melodie, eine Wort- und Satzwahl, die auch eine ganz eigene Dialektik bedingt. Erinnern wir uns etwa an das verlorengegangene Kabarett eines Grünbaum, Farkas & Co, da war jede Pointe gejüdelt. Aber speziell in Wien konnte man diesen Ton auch von Nicht-Juden hören. Genauso aber wurde er angewendet, um den angeblichen Typus Jude zu verspotten und verächtlich zu machen - bis zum tödlichen Ende. Darum habe ich mich natürlich gefragt: Darf man ein Buch so schreiben? Und ich sage: Ja, man darf, wenn es aus lauteren Gründen erfolgt und wenn man umfassend weiß, was man tut, und ob das Herz dabei in Achtung schlägt, oder ob man verspotten will. Und das erkennt man beim Hören wie auch beim Lesen sofort. Aber, um Ihre Eingangsfrage zu beantworten, ja, es gibt eine Menge Redewendungen, die ich verwende.

Dass Sie derzeit den Milchmann Tevje im Musical "Anatevka" am Tiroler Landestheater spielen, dürfte gut zu Ihrer Beschäftigung mit dieser Thematik passen?

Miguel Herz-Kestranek in der Rolle des Milchmanns Tevje im Musical "Anatevka" am Tiroler Landestheater.

Miguel Herz-Kestranek in der Rolle des Milchmanns Tevje im Musical "Anatevka" am Tiroler Landestheater.© Tiroler Landestheater Miguel Herz-Kestranek in der Rolle des Milchmanns Tevje im Musical "Anatevka" am Tiroler Landestheater.© Tiroler Landestheater

Ja, die Hälfte der Dialoge beruht auf jüdischen Witzen. Ich konnte die Beschäftigung mit meinem letzten Buch gut in die Rolle einbringen.

Wie kommt das Musical beim Publikum an?

Sehr gut, weil wir es sowohl entsprechend leicht, als auch sehr ernst genommen haben. Ohne Regiefirlefanz weiß am Ende jeder Zuschauer, dass 38 Jahre später - das Musical spielt 1905 im ostjüdischen Schtettl - alle, die er auf der Bühne gesehen hat, todgeweiht sind. Für mich persönlich war es, neben dem Prof. Higgins in "My fair Lady", der bisher größte Erfolg auf einer Bühne.

Tatsächlich?

Ich habe das vorher selbst nicht geglaubt. Überhaupt ist diese Intensität und Energie, die aus Musik, Gesang, Tanz und Spielen entsteht, mit Sprechtheater gar nicht zu erreichen. Es wird nicht Stunden lang überlegt, was der Dichter eventuell mit einem Satz gemeint haben könnte. Das ist für mich immer mehr quälende Hirnwichserei. Überhaupt fällt es mir angesichts der Welt immer schwerer, bei allem meinem Tun nicht die Sinnfrage zu stellen. Nach dem Tevje bin ich fürs Sprechtheater eh eine geraume Zeit "verdorben". Aber das bin ich wahrscheinlich ohnehin für die ganze Schauspielerei.

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Dokument erstellt am 2013-06-27 21:47:08
Letzte Änderung am 2013-06-28 14:28:51


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