"Wiener Zeitung":Was interessiert Sie an dem selten gespielten "Attila"? Der Umstand, dass hier eine Frau einen König tötet und so zur Befreiungsheldin wird? Oder die Beziehung dieser frühen Verdi-Oper zu den damaligen Einigungsbestrebungen in Italien? 

Fordernde Regiearbeiten, glaubt Peter Konwitschny, müssen nicht mit niedrigen Besucherzahlen einhergehen. - © Gilbert Kossek
Fordernde Regiearbeiten, glaubt Peter Konwitschny, müssen nicht mit niedrigen Besucherzahlen einhergehen. - © Gilbert Kossek

Peter Konwitschny:Nichts von alledem. Für mich ist die Eigenart der Musik spannend, natürlich in Verbindung mit der Handlung. Es ist für mich wie ein Comic. Alles ist überdreht, die Liebesgeschichte bis zum Lächerlichen romantisiert, der Kriegsgesang exaltiert. Wenn in späteren Verdi-Opern Krieg stattfindet, klingt das nicht so kasperlhaft. Insofern ist es ein Antikriegsstück.

Könnte dieser Tonfall nicht auch an der Jugend des Komponisten liegen?

"Macbeth" war sein nächstes Werk - und das klingt bedrückend. Der "Attila" rein gar nicht. Insofern hätte Verdi wohl schon da anders komponieren können, wollte aber vermutlich nicht.

Was bedeutet das für Sie szenisch?

Es bedeutet, einen Comic zu inszenieren. Das geht schlecht, weil ein Comic gezeichnet werden muss. Aber natürlich gibt es Möglichkeiten für überdrehtes Handeln. Und wir haben einen speziellen Ansatz entwickelt: Anfangs sind es Kinder, die Krieg spielen. Am Ende des ersten Teils kommt der Papst und bittet Attila, Rom zu verschonen. Bei uns erhält das eine zusätzliche Dimension: Erstmals kommen Erwachsene auf die Bühne, nehmen den Kindern die Spielsachen gewaltsam weg. Im zweiten Teil sind sie erwachsen, tragen schwarze Anzüge und Pistolen, es wird russisches Roulette gespielt. Im letzten Teil sind nur noch vier uralte Figuren da. Sie sterben an Herzversagen, nicht, weil sie einander töten. Aber sie haben nichts gelernt: Sie wollen sich weiterhin mit Intrigen und Verrat umbringen.

Kein Happy End?

Nein. Dass Attila am Ende umgebracht wird und alle jubeln - das hört man in der Musik nicht. Verdi steht auf der Seite von Attila. Der ist der einzige sympathische Mensch in dieser Oper. Deswegen finde ich die These mit der italienischen Einigungs-Bewegung, kurz gesagt, falsch.

Es wird kritisiert, dass die "Attila"-Figuren wenig ausgefeilt sind. Was ist Ihnen lieber: "leere" Figuren, die Sie selbst mit Leben füllen können, oder plastische Charaktere?

Beides. Wo Autoren differenzierte Charaktere geschaffen haben, da muss man nur verstärken, was im Stück ist - es wäre Unsinn, total dagegenzuarbeiten. Hier ist es anders: Eigentlich sind das Comicfiguren mit drei Strichen. Die muss ich jetzt gemeinsam mit den Sängern ausfüllen, und das macht enorme Freunde.

Genau genommen ist "Attila" Ihre erste Neuinszenierung für Wien. Was die Staatsoper bisher von Ihnen zeigte ("Don Carlos", "Totenhaus"), war davor schon im Ausland zu sehen. Warum hat es in Wien so lang gedauert?

Ich habe eine ganz bestimmte Haltung gegenüber meinem Beruf. Und die ist umso weniger kompatibel, je höher die Gagen und je teurer die Karten sind. Denn ich mache lebendiges Theater. Das heißt einerseits, dass es mit uns Lebenden zu tun haben muss. Und andererseits: Die Sänger müssen Figuren spielen und dürfen nicht nur Töne produzieren. Dort, wo totes Theater gekauft wird, passe ich nicht rein. Ich finde aber wiederum, dass Ioan Holender (Ex-Staatsoperndirektor, Anm.) etwas Großartiges gelungen ist, als er mich in diesen toten Tempel reingebracht und wirklich geschützt hat, sodass dort etwas Lebendiges passierte. Ich empfinde auch die Reaktionen als Ausdruck von Lebendigkeit. Wenn ein Publikum nicht nur schimpft oder geistlos Bravo ruft - das ist doch, was uns fehlt, oder anders gesagt: Darin besteht das Leben. Im Widerspruch liegt der Kern des Lebens. Dass ich ziemlich selten in Wien zugange bin, liegt auch an der geschlossenen Gesellschaft einer toten Operngesellschaft.

Haben Sie in den Vorjahren etwas an der Staatsoper gesehen?

Eine Inszenierung von Peter Stein. Katastrophal! Er war vor 40 Jahren ein Vorbild.

Gérard Mortier sagte unlängst, ihn hätte bisher keine einzige Premiere von Staatsoperndirektor Dominique Meyer dazu gereizt, sie sich anzusehen. Andere kritische Geister stoßen sich am dekorativen Gestus mancher Regiearbeit am Haus. Aber ist Meyers Position nicht auch verständlich? Er steht unter finanziellem Druck, muss hohe Auslastungszahlen erreichen.

Das ist ein falsches Bewusstsein. Klaus Zehelein hat es an der Stuttgarter Staatsoper geschafft. Am Anfang haben viele ihre Abos zurückgegeben, aber nach vier, fünf Jahren stiegen die Zahlen wieder. Zehelein hat erreicht, dass das Publikum zurechnungsfähig ist. Ich halte das Publikum bei Meyer für unzurechnungsfähig, und es wird immer unzurechnungsfähiger durch solche Inszenierungen. Man muss ganz andere Sachen machen, damit das Haus voll wird: Man muss die Regierung auflösen. Man muss alle Regierungen auflösen und die Welt neu ordnen, damit Kultur als wichtigstes menschliches Regulat begriffen wird.

Klingt, als würden Sie nach einer Schutzmacht rufen.

So hab ich es nicht gemeint. Ich finde, der Staat muss erst einmal das Leben schützen. Er entzieht sich überall der Verantwortung. Politik ist zunehmend nicht mehr in der Lage, Dinge zu verändern oder zu verbessern. Wenn ich das für meinen Bereich fordere, dann grundsätzlich für das Leben von uns allen. Der Mensch hat unendlich viele Möglichkeiten in sich, gute und schlechte. Es kommt darauf an, Verhältnisse zu schaffen, die die guten Potenzen fördern. Natürlich: Ich will nicht verhungern und möchte, dass das Theater mit öffentlichen Mitteln gefördert wird. Aber eigentlich geht’s hier um viel mehr. Zum Beispiel auch um Schulbildung. Theater kann nicht verstanden werden, wenn die Ausbildung schlechter wird. Aber soll ich das ändern? Das müssen Lehrer tun. Und damit die das machen können, muss man das System verändern - und so weiter. So meine ich das.