Zu Beginn gleicht sie einem Geist auf nachtschwarzer Bühne. Ein schmaler Lichtkegel zeichnet die Umrisse schemenhaft nach, man kann die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer kaum erkennen, im schlichten weißen Kleid, mit hüftlangen blonden Haaren erinnert sie an ein überirdisches Wesen.

Gegen Ende des Stücks wird sie in derselben aufrechten Haltung, auf demselben Fleck an der Bühnenrampe stehen, nun grell ausgeleuchtet, von Kopf bis Fuß beschmiert, mit Blut besudelt, wie eine Stammeskriegerin sieht sie dann aus. Dazwischen liegen etwas mehr als zwei Theaterstunden, in denen es zumindest laut Textvorlage ziemlich heftig zugegangen sein muss. In Schillers "Die Jungfrau von Orleans" werden Schlachten geführt, Menschen gemetzelt, Könige gekrönt, es hagelt Verrat, Intrige und Versöhnung. Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters ist von Intensitäten und Extremen indes kaum etwas zu spüren.

Wimmelbild an Motiven

Der deutsche Regisseur Michael Thalheimer ist dafür bekannt, bei Klassikern zeitlose Schichten freizulegen, zu den Schmerzpunkten der teils Jahrhunderte alten Texte vorzudringen: Der 52-Jährige interpretiert das verstaubte Weltdrama für ein heutiges Publikum radikal neu. Gerade bei Schillers "Jungfrau" ließe sich viel rezeptionsgeschichtlicher Ballast abwerfen. Das Stück, 1801 uraufgeführt, zählt zu den bekanntesten Werken des Autors; es wurde häufig als Lehrstück auf politischen Radikalismus, als Hohelied auf heroischen Nationalismus, in jüngster Zeit vorwiegend als Emanzipationsschrift gelesen. Mit dem formal verwirrenden Meisterwerk, einer Art Wimmelbild voll von politischen, philosophischen und religiösen Motiven, weiß Schiller nach wie vor zu irritieren.

Der Dichter entfernt sich darin von der historischen Vorlage: In Schillers Deutung endet Johanna nicht am Scheiterhaufen, sondern befreit sich mit überirdischer Kraft aus dem Kerker. Das Hirtenmädchen, das sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts mit geradezu alttestamentarischer Wucht zur siegreichen Heerführerin aufschwingt und Frankreichs hundertjährigen Krieg mit England beendet, stirbt im Stück den Heldentod auf dem Schlachtfeld.

Was die Bühnen-Johanna zu Fall bringt, unterscheidet sich vom Schicksal der historischen Jean d’Arc, die an politischem Kalkül, Verrat und Inquisition scheitert. Schillers Heldin zerbricht am inneren Konflikt zwischen göttlichem Auftrag und irdischer Liebe: Sie hat sich in den falschen verliebt, in einen feindlichen Soldaten.

"Die Jungfrau von Orleans" könnte eine ideale Vorlage für Thalheimer sein, der wiederholt Frauenfiguren des Weltdramas blendend in Szene gesetzt hat – zuletzt "Medea" in Frankfurt und "Elektra" an der Wiener Burg. In Olaf Altmanns dunkelschwarzer Kuppelhalle gelingen dem elfköpfigen Ensemble auch durchaus formal starke Setzungen, einzelne kraftvolle Szenen – Soldaten erbrechen eine Blutsalve über Johannas Schultern, bevor sie sterbend zu deren Füßen sinken, während die Kriegerin stoisch-heroisch Habtachtstellung beibehält. Die Kraftlosigkeit des Königs bringt Christoph Franken perfekt auf den Punkt: Er trippelt in dicken Wollsocken auf Zehenspitzen und ist mehr Clown als Machtinstanz.

Darsteller als Einzelkämpfer

Doch Kathleen Morgeneyer werden durch das strenge Regiekonzept, das die Darsteller als Einzelkämpfer vorführt, sämtliche schauspielerischen Mittel entzogen. Wie eine Zinn-Soldatin steht ihre Johanna nahezu die gesamte Spielzeit über wie angewurzelt im Rampenlicht. Ihr einzig verbliebenes Ausdrucksmittel, Stimme und Sprache, setzt sie gekonnt ein – und changiert effektvoll zwischen verwirrtem Kind und Domina. Dennoch bleibt die Figur Abziehbild, wird selten lebendig. Daran laboriert der Abend: Der strenge Formwille treibt dem Stück seinen Atem aus. Das durchaus ambitionierte Konzept erstarrt in einstudierten Gesten.