Thomas Gratzer - ein Kandidat fürs Volkstheater. - © A. Urban
Thomas Gratzer - ein Kandidat fürs Volkstheater. - © A. Urban

Wien. Die wohl schwierigste Bühne der Stadt steht vor einer Neupositionierung. Der amtierende Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg hat kürzlich bekanntgegeben, seinen im Sommer 2015 endenden Vertrag nicht verlängern zu wollen: "Zehn Jahre sind eine ausreichend gute Zeit, wesentliche künstlerische Ziele umzusetzen", begründete er seinen Entschluss. Bis 4. Oktober können Bewerbungen im Wiener Kulturamt abgegeben werden, aus dem Büro von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ist zu vernehmen, dass rasch eine Entscheidung getroffen werden soll, spätestens mit Jahresende soll die neue Intendanz bekanntgegeben werden.

Auf das neue Team wartet eine ziemliche Herausforderung: Die Traditionsbühne am Weghuberpark ist mit fast tausend Sitzplätzen beinahe so groß wie das Burgtheater, verfügt aber nur über Subventionen von 11,7 Millionen Euro, dem Burgtheater steht fast das Vierfache zur Verfügung, auch in Deutschland erhalten vergleichbare Bühnen deutlich mehr Unterstützung. Dennoch werden die Finanzen auch künftig nicht signifikant aufgestockt.

Mit dem Rücken zur Wand


Im Unterschied zur Josefstadt, die traditionell auf einen treuen Abonnentenstock zählen kann, muss das Volkstheater einen Großteil des Umsatzes an der Abendkassa erwirtschaften. Das Haus kann sich praktisch keinen Flop leisten.

Mit der Neubesetzung stellt sich natürlich die Frage: Was will man eigentlich fürs Volkstheater? Im Kulturamt hält man sich hier ziemlich bedeckt. Feststeht lediglich, dass das Volkstheater vor allem ein niederschwelliges Angebot sein soll - "ein Theater für alle Bevölkerungsgruppen".

Auch das Theater in den Bezirken, ein vom Volkstheater betriebener und chronisch unterdotierter Tourneebetrieb, soll weitergeführt werden.

Wie könnte demnach ein zeitgemäßes Volkstheater aussehen? Es müsste eine Bühne sein, deren Bandbreite von Boulevard bis Gegenwartsdramatik, von Projekten mit Wienbezug bis hin zu neuen Formaten reicht.

"Spannend, aber schwierig"


Unter den derzeitigen Wiener Intendanten würde sich hier vor allem Thomas Gratzer empfehlen: Seit zehn Jahren führt er den Rabenhof mit sicherer Hand, hat erfolgreiche Formate wie "Wir Staatskünstler" mitentwickelt und ist findig im Erschließen neuer Publikumsschichten. Über das Volkstheater äußert sich Gratzer gegenüber der "Wiener Zeitung": "Spannend, aber schwierig."

Auch Thomas Birkmeir hätte als erfolgreicher Leiter des Theaters der Jugend keine schlechten Karten. Zudem hat er bereits am Volkstheater inszeniert, kennt die Stärken und Schwächen des Hauses. Andreas Beck, der als Schauspielhaus-Intendant einen ambitionierten Spielplan pflegt, äußerte sich kürzlich zur Ausschreibung des Volkstheaters: "Darüber mache ich mir derzeit keine Gedanken."

Bis dato ist die ehemalige Volkstheater-Direktorin Emmy Werner die einzige Frau, die eine der Wiener Großbühnen geführt hat - warum also nicht nach einer weiblichen Führungskraft fahnden? Stefanie Carp war etwa als Festwochen-Schauspielchefin für einen Spielplan verantwortlich, der gekonnt die Balance zwischen Anspruch und Quote hielt.

Wenn es darum geht, das Volkstheater künftig entschieden als integrative und postmigrantische Bühne zu positionieren, wäre Rita Thiele eine Option. Die Dramaturgin war maßgeblich am Erfolg der Kölner Intendanz von Karin Beier beteiligt und hat das Haus mit unkonventionellen Ansätzen in Richtung Interkulturalität programmiert. Dass sich auch mit geringem Budget Bedeutendes erzielen lässt, hat Anna Badora, die Chefin des Grazer Schauspielhauses, wiederholt bewiesen.

Wer auch immer es wird, die Zeit ist reif für Veränderungen.